Aus der Sicht eines ehemaligen Mitarbeiters des Ministeriums für
Staatssicherheit
15.04.2006
Heute ist der 17.04.2011, ja ich lebe noch. Fünf Jahre später. Ok. Leider,
von mir aus.
An dieser Stelle muss ich auf etwas hinweisen, was für mein Leben das
allerwichtigste Ereignis war und den Verlauf meines Lebens ab dem 23.
Lebensjahr bestimmt hat und möglicherweise auch auf das Leben einiger
anderer Personen dieser Zeit einen bestimmenden Einfluss hatte, dabei auch
einiger Westdeutscher, wie dem damaligen Verteidigungsminister der BRD
LEBER, aber dazu später.
Seit ich obiges geschrieben habe, sind einige Jahre vergangen und ich glaube nicht, dass sich irgendjemand für meine Mitteilungssucht interessiert hat.
Aber was solls, ich schreibe einfach weiter, langsam macht’s mir Freude, nicht
zuletzt wegen des Auftrittes einiger meiner ehemaligen (allerdings in der
Hierarchie weiter oben stehenden) Mitstreiter in Berlin vor einigen Tagen. Da
ich nicht dabei war, kann ich dazu keine objektive Bewertung zum Verlauf und
den tatsächlichen Ereignissen treffen. Aber ich bin mir sicher, dass es auch hier
zu Verfälschungen seitens einiger Medienvertreter in der Berichterstattung
gekommen ist. Das ist nicht verwunderlich und auch nicht tragisch.
Eigentlich wollte ich mich gar nicht um Dinge kümmern, die nicht unmittelbar
mit meiner eigenen Vergangenheit zu tun haben. Aber mich interessiert in
diesem Zusammenhang, warum reagieren die ehemaligen Offiziere des MfS so.
Einige davon kenne ich ja selbst auch. Warum tun die sich so was an? . Mit
Sicherheit ist es völliger Quatsch anzunehmen, es sei eine Bewegung mit dem
Ziel im Gange, die Geschichte zu korrigieren. Das wollen sie mit Sicherheit
nicht, dafür gibt es nicht genügend Mitstreiter, aber sie fühlen sich in ihrer Ehre
verletzt und angegriffen. Mich hat das wenige, was im Fernsehen zu sehen war,
aber amüsiert. Und ich musste wieder einmal feststelle, wie hilflos und primitiv
ehemalige Vorgesetzte auf derartige Attacken reagieren. Das erinnert mich
wieder an das beschämende Auftreten von Mielke in der Volkskammer 1989.Ist
kein vertrautes Umfeld da, versagt ihnen der Geist Aber dass sie sich zur Wehr
setzen, ist doch völlig klar und es gehört auch Mut dazu. Aber sie können sich
nicht verteidigen. Ihnen fehlt der gehorsame Stab von Mitarbeitern, die sie
damals täglich bekleidet hatten und jeden Befehlswunsch sozusagen von den
Augen abgelesen haben. Ich kenne das, mir ging es selbst so.
Ich machte mir in den vergangenen Jahren zu dieser Problematik ständig
Gedanken, warum waren wir so und nicht anders? Was hat uns dazu gebracht?
Jeder, der in irgendeiner Art militärischen Gehorsam und militärische Disziplin
kennengelernt hat, wird wissen, wie sich allmählich ein gewisser Prozess im
Denkverhalten der militärisch organisiert handelnden Personen als Folge von
Erziehung, vollzieht und ausdrückt. Bis hierhin ist es ist überall auf der Welt
gleich. Also, ob ich im ehemaligen Ostblock, der Nato, oder irgendeinem
Negerlager militärisch tätig bin oder war, macht keinen Unterschied. Das kann
auch nicht anders sein. Das ist auch nichts neues, also uninteressant. Aber
spannend und entscheidend, und somit bestimmt interessanter wird es, wenn
sich alle militärisch organisierten Personen einer täglichen, ideologischen
Gehirnwäsche unterziehen müssen und die Ergebnisse mittels perfektem
Überwachungssystem analysiert und ausgewertet werden.
Und ich behaupte: Da waren wir Weltmeister und wir sind
Thema der o.g. Kategorien Oberwichser usw. und bei Platon, der dargelegt hat,
warum wir uns so und nicht anders entwickelt haben, oder vielleicht sogar mussten (dialektisch gesehen).
Natürlich waren und sind alle Geheimdienste dieses Planeten dazu da, die
jeweiligen Machtstrukturen ihrer Länder zu sichern ( ökonomisch u. politisch).
Und da bietet sich natürlich den diktatorisch geführten Staaten ein einmaliger
Vorteil gegenüber anderen Staatsformen. Die DDR-Führung hat ja nie
behauptet, keine Diktatur zu sein. Also standen alle entscheidenden Mittel zum
Ausbau eines wirkungsvollen Sicherheitsapparates zur Verfügung. Denn wer
sollte uns stören?. Keine Opposition, keine macht beanspruchende andere Partei
usw. Aber das alles war keine Erfindung von Ulbricht, Honecker oder Anderen,
nein, das alles stand in unserer Bibel, den Schriften der Klassiker des
Marxismus-Leninismus.
Und ich sage es noch einmal: Wäre die DDR nicht von Oberwichsern
(Obertrottel) geführt worden, dann hätte man auch aus den o.g. Strukturen, eine
lebenswerte Gesellschaft machen können. Ich meine damit die wortwörtliche
Umsetzung einiger Lehren des M/L. Denn was ist am kommunistischen Ideal
schlecht? Alles - würden Idioten sagen, die sich damit nicht befasst haben.
Aber dann kam die Wende 1989 und es geschah etwas ganz eigenartiges. Am
liebsten würde ich ironischerweise sagen, dass kann nur was mit der
Heißenbergischen Unschärferelation zu tun haben, also weder Fisch noch
Fleisch oder halbtot, halb lebendig.
Gut, es ist nicht das Anliegen der obigen Organisatoren der Stasigedenkstätte
auf die Befindlichkeiten und Wahrnehmungen ehemaliger MfS- Leute dieser
Zeit einzugehen. Denn Horrorszenarien und andere Dinge verkaufen sich
immer besser als unspektakuläre Aufklärungen. Aber das ist das wesentlichste
überhaupt, wenn man gewillt ist, echte und ehrliche Vergangenheitsbewältigung
zu betreiben. Natürlich müssen und sollen, menschenrechtsverletzende
Aktivitäten des DDR- Staates gezeigt werden. Aber wie einfältig und dumm
sind denn die Macher der Gedenkstätte, anzunehmen, wir als Mitarbeiter des
MfS hätten die Aufgabe wahrnehmen müssen, gegen die Interessenlage von
Partei und Regierung zu arbeiten? Sollten wir die im StGB der DDR geregelten
Grundlagen für unsere Arbeit außer Kraft setzen? Dazu wäre noch sehr, sehr
viel zu sagen.
Als ich im Fernsehen einige Aufnahmen der Gedenkstätte in Hohnschönhausen
sah, kamen die Erinnerungen von vor fast 40 Jahren wieder, als ich genau dort
als Wachsoldat des Wachregiments des MfS, eingesetzt war. Nicht innerhalb der
Vollzugsanstalt, sondern als Bekleidkommando zur Abholung bestimmter
Strafgefangener, die für Arbeitseinsätze ausgewählt waren. Zur Abholung der
Häftlinge standen ein als mit "Sonderfahrt" gekennzeichneter Bus und ein für
kleinere Gefangenentransporte geeignetes Fahrzeug bereit. Insgesamt konnten
mit diesen Fahrzeugen ca.50 Gefangene transportiert werden.
Sollten das jetzt eventuelle SSr von heute lesen, höre ich sie schon schreien "da
haben wir doch einen von damals". Denen muss ich aber sagen, es tut mir leid,
ich war kein Verbrecher. Ich war gerade mal 18 Jahre, nur wenige Monate im
WR und dann gleich so ein Einsatz. Und ich muss die Enttäuschung der RT
noch vertiefen, ich werde kein Gräuelmärchen hinzufügen. Denn ich habe
nichts derartiges dort gesehen. Und das ist die Wahrheit. Damit möchte ich
nicht sagen, dass es keine Ereignisse gab, die man mit Recht anprangern
könnte. Insbesondere dann, wenn es um Repressalien gegen politisch inhaftierte
Menschen ging. Damit meine ich nicht die, zu dieser Zeit inhaftierten
politischen Häftlinge, die von den Alliierten wegen Verbrechen gegen die
Menschlichkeit, Kriegsverbrechen usw., hohe Gefängnisstrafen verbüßen
mussten.
Wie in fast allen Gefängnissen dieser Welt, so waren auch an der
Häftlingskleidung dieser Strafgefangenen, farbige Streifen zur Erkennung von
Haftgründen angebracht.
Ich war schockiert, als ich zum ersten mal in den Innenhof des Gefängnisses
trat. Die Beklemmung von damals, kann ich fast heute noch spüren..Ich
entschuldige mich an dieser für das zugefügte Leid an Menschen, die völlig
unschuldig die damit verbundenen Schmerzen, körperlicher und seelischer Art
erdulden mussten. Aber davon haben diese Menschen leider nichts mehr.
Zum Innenbereich der Haftanstalt hatten wir keinen Zutritt Nur Ab und zu
waren Stimmen von irgendwoher zu hören. Es fiel mir auf, mit welch hoher
Disziplin die Gefangenen gegenüber dem Haftpersonal auftraten. Ok, jetzt wird
einem das klar – aus Angst.
Ich schreibe es jetzt noch einmal. Ich schildere das aus meiner damaligen
Sichtweise. Also aus der Sicht eines 18/19 Jährigen, der zu dieser Zeit auch
kein politisch-ideologisch gestählter Mensch war. Das ist wichtig für eine
Bewertung. (Aber wahrscheinlich eher nur für die, die eine ehrliche
Aufarbeitung wollen)
Die beiden Fahrzeuge standen bereit, und aus einer offenen Tür traten dann die
für den Bus bestimmten Gefangenen auf den Hof und mussten sich in einer
Reihe zur Abzahlung aufstellen. Anschließend gingen sie ins Innere des Busses.
Wie gesagt, war der Bus als Sonderfahrt gekennzeichnet, nur das die
Fensterscheiben mit weißer Farbe gestrichen waren, so dass die Insassen nichts
von der Außenwelt sehen konnten. Die für den Bus bestimmten Häftlinge
wurden vom Personal der Haftanstalt ins Innere bekleidet . Im Businneren
führte ein schmaler Gang über die gesamte Buslänge und diente gleichzeitig als
Abgrenzung zu zwei mit Metallgittern getrennten Räumen, in denen jeweils ca.
20 Häftlinge sitzen konnten. Das Wachpersonal, also wir, verblieben auf dem
Gang. Das Schloss unserer Schusswaffe ( eine Kalaschnikow) musste geöffnet werden, um sicherzustellen, dass sich keine Patrone im Lauf befand, danach wurde die Waffe gesichert.
Der Ablauf für das andere Fahrzeug verlief in ähnlicher Art und Weise. Im Bus
hielten sich 6 Wachposten auf, im kleineren Fahrzeug 3. Ich war abwechselnd
mal im Bus und dem anderen Fahrzeug eingesetzt. Je nach Straßenverkehr
benötigten die Fahrzeuge ca. 45 Minuten bis zur Baustelle. Es war uns
strengstens untersagt, während der Fahrt auf ein Gespräch mit den Häftlingen
einzugehen.Da ich jetzt mit keiner Bestrafung mehr rechnen dürfte, kann ich
sagen, dass wir uns an dieses Verbot nicht gehalten haben. Bedingung war aber,
wir drei mussten uns natürlich kennen und das war auch so. Mag es grotesk
klingen oder nicht, es ist mir egal, aber es war eben so: Wir hatten Spaß mit den
Häftlingen und die offensichtlich auch mit uns. Wir steckten einigen von denen
ganze Zigarettenschachteln zu und bemerkten auf einer eigenartigen Weise ein
irres Gefühl tiefster Dankbarkeit dieser Menschen. Und ein Ereignis prägte
sich mir besonders ein. Ein Häftling der hinteren Reihe begann sich ein
Pfeifchen mit Tabak zu stopfen , was wir Verbrecher hätten eigentlich sofort
unterbinden müssen. Aber wir ließen ihm seine Freude. Es dauerte aber nicht
lange und die grüne Minna bremste stark ab , die Seitentür wurde aufgerissen
und einer vom Knastpersonal schrie in die Runde wer es gewagt hat zu rauchen.
Da sich keiner meldete , rief er in die Runde, na ok, dann wisst ihr ja was das
heute Abend bedeutet. Wir fragten dann die Häftlinge, was das sein könnte und
erhielten zur Antwort, das das Stillstehen für Alle auf dem Gefängnishof
bedeutet.
Im Bus hatten die Häftlinge keinerlei Möglichkeit irgendetwas von der
Außenwelt mitzubekommen (außer den Geräuschen natürlich). Im kleineren
Fahrzeug war das anders. Die unmittelbar am Metallgitter vorn sitzenden
Häftlinge konnten in schräger Sichtweise durch ein kleines, vergittertes Fenster
die Außenwelt wahrnehmen. Ich weiß es nicht genau, aber es muss sich wohl
bei mir etwas tief im Unterbewusstsein eingekeyt haben. Ich meine die
Gefühlslage von den Gefangenen, die Sicht auf die Häuser , Fahrzeuge und vor
allem auf Menschen hatten.. Unter den Gefangenen gab es so was wie eine
Rangordnung. Wer am längsten einsaß, hatte das Vorrecht, die Sicht durch das
Fenster zu erhalten, es gab täglich auf der Hin - u. Rückfahrt zur Baustelle ein
ständiges Gerangel um die besten Plätze. Wir befürchteten schon, dass sich die
ans Gitter gepressten Menschen, ernsthaft verletzen könnten und mussten also
einschreiten. Wenn wir das taten, herrschte sofort Ruhe. Bei den Gesprächen
erfuhren wir von den Häftlingen auch viel von den Haftgründen. Voller Respekt
zeigten sie immer wieder auf einen unauffällig wirkenden, alten Mann, der
bereits 20 Haftjahre hinter sich hatte und als Kriegsverbrecher verurteilt war. Er
zeigte keinerlei Interesse für seine Umwelt.
Ernsthafte Gefahren entstanden auch dann, wenn das Fahrzeug an einer
Kreuzung halten musste. Dann war das Gitter größten Belastungen ausgesetzt ,
denn alle erhofften sich einen Blick nach draußen und dabei spielte natürlich
das Thema Frauen die wesentlichste Rolle. Man muss nicht alles wiedergeben,
was ein viele Jahre enthaltsam lebender Mann empfindet ,wenn er eine Frau
sieht. Da fallen alle Worte, die im Sprachgebrauch dafür üblich sind. Und wir
sahen immer wieder die Dankbarkeit in den Augen der Gefangenen für uns,
weil wir sie nicht daran hinderten, soviel wie möglich davon zu sehen. Mehr
konnten wir nicht tun.
Der überwiegende Teil der Häftlingen war wegen krimineller Delikte in Haft,
einige waren wegen Kriegsverbrechen inhaftiert, der geringste Teil aus
politischen Gründen. Die Gefangenen sahen sich aber alle als die Glücklichen
an, die arbeiten durften und das an frischer Luft. Bei guten Leistungen auf der
Baustelle wurden ihnen auch andere Vergünstigungen in Aussicht gestellt wie
bessere Verpflegung, erhöhte Zigarettenration und im günstigsten Falle eine
Haftverkürzung. Selbst die zu lebenslanger Haft verurteilten
Schwerstverbrecher zeigten auf der Baustelle unglaubliche Leistungen.
Dazu muss ich einiges zur Baustelle und den spezifischen
Sicherheitseinrichtungen sagen, wenn Strafgefangene zum Einsatz kommen.
Als ich erstmals das Baustellengelände sah, fühlte ich mich in einen Film
versetzt. Viele Filme haben natürlich einen Bezug zur Realität. Aber für den
Betrachter bleibt es trotzdem ein Film, egal wie grausam es dabei zuging.
Grausam ging es auf der von uns zu bewachenden Baustelle natürlich überhaupt
nicht zu. Natürlich gibt’s auch keine kapitalistischen oder sozialistischen
Sicherungseinrichtungen , also, die Mittel dienen dem Zweck. Überall auf der
Welt.Heute gibt es in der BRD keine politischen Gefangenen in den Zellen,
aber dafür eine Vielzahl aus sozialen Gründen. Damit meine ich nicht die
Kleinkriminellen, sondern z.B. die , die wegen Nichtbezahlung von Bußgeld,
oder wegen Nichtbezahlung von Tagessatzstrafen im Gefängnis sitzen. Das
sind mit Sicherheit auch zig-Tausende in Deutschland. Und die
Gefängnismauer, sowie das Personal macht keine Unterschiede zwischen
Politik, Kriminalität oder Ökonomie.
Bei dieser o.g. Baustelle handelte es sich um die Errichtung einer Kinder - u.
Jugendsportschule am Stadtrand von Berlin. Also um ein Objekt humanen
Charakters. Die gesamte Baustelle war umgrenzt mit einen ca.2,50 m hohen
Bretterzaun, der absolut keine Sicht nach außen oder Innen zuließ. In
regelmäßigen Abständen wurde der Zaun durch 6-8, ca. 3,00 m hohe
Wachtürme unterbrochen. Zum Innenbereich zu, folgte ein ca. 2m breiter
Streifen der begehbar war und einer besseren Sicht dienen sollte. Außerdem diente dieser Streifen für eine zusätzliche Bewachung durch Hunde. Weiter
nach innen grenzte dann ein ca. 2 m hoher Stacheldrahtzaun an. Baufahrzeuge
und die beiden Häftlingsfahrzeuge erreichten den Innenbereich durch ein großes
Brettertor. Beim Befahren der Baustelle durch Fahrzeuge aller Art, wurden
deren Unterböden mittels Spiegel abgesucht um damit zu verhindern, dass sich
Strafgefangene auf diesem Wege aus dem Objekt entfernen könnten. Die
Arbeitszeit war von 7.00 Uhr bis 16.30 Uhr. Die Häftlinge erhielten ihre
zustehenden Pausen. Jede Stunde ertönte ein Pfeifsignal, als Hinweis für die
Gefangenen, sich an einen festgelegten Punkt zu begeben, wo sie durchgezählt
wurden.
Die Gefangenen erhielten für den gesamten Baustellenbereich die
erforderlichen Verhaltensregeln mitgeteilt. Natürlich mussten wir immer damit
rechnen, dass der eine oder andere Häftling die Flucht riskieren könnte. Also
wurde den Häftlingen gesagt, wenn sie sich aus irgendwelchen Gründen den
Stacheldrahtzaun nähern müssen, z.B. wegen der Entnahme von Baumaterial,
was dort lag, müssen sie sich unbedingt beim Wachturmposten melden, bleibt
das aus, kann geschossen werden. Es war also nicht ungefährlich für die
Häftlinge. Was mich unwahrscheinlich beeindruckt hatte, war der Fleiß, die
Disziplin und die Härte dieser Menschen gegen sich selbst. Um positiv
aufzufallen, rannten die Kräftigsten von ihnen mit voller Materialkarre die
schrägen Bretterrampen hoch, und das über die gesamte Arbeitszeit. Es gab kein
Herumstehen, keine übermäßigen Diskussionen oder andere Pausen. Der Grund
dafür war natürlich ganz klar: sie wollten ihren Arbeitseinsatz nicht gefährden.
Während der Fahrten von und zur Baustelle wurde uns ganz klar: diese
Häftlinge hassten uns nicht.
Nach 8 Wochen Einsatz, wurden wir dort abgelöst und andere nahmen unseren
Platz ein.
Ich habe nie wieder davon irgendwas gehört.
Heute, 40 Jahre später, wirkt das genau noch so wie damals, denn wie hätte ich
es sonst so wahrheitsgetreu wie möglich, niederschreiben können. Aber die
Geschichte kennt auch viele Ereignisse, wo Jahrzehnte später, aus den
unterschiedlichsten Gründen, lang zurückliegende Fälle, wieder aufgerollt
werden, weil aktuelle, neue Erkenntnisse evtl. dazu beitragen können, damals
ungeklärte Vorgänge aufzuklären. Man durchwühlt dann nochmals die aus
dieser Zeit stammenden Akten mit den Täter u .Zeugenaussagen, polizeiliche
Untersuchungen usw., um eine endgültige Klärung herbeizuführen. Bei Fällen
allgemeiner Kriminalität betreibt man einen solchen Aufwand natürlich nicht.
Anders sieht das aber bei Fällen schwerster Kriminalität (Massenmörder, Terror
usw.) und bei politisch motivierten Tatvorgängen aus. Das nicht mehr ganz
aktuelle Beispiel ist ja das von Erich Mielke. Er wurde ja bekanntlich wegen eines begangenen Mordes in den 30 iger Jahren verurteilt.( Totschlag ja, aber Mord ist sehr, sehr fragwürdig). Aber was soll’s. Jedenfalls ist er nicht wegen seiner jahrzehnte langen Funktion als Minister für Staatssicherheit verurteilt
worden, was ja in den Augen der SU ein unverzeihlicher Fehler war. An dieser
Stelle ist wirklich einmal ein Lob für die deutsche Justiz angebracht, die , (nicht
nur in diesem Fall, oder weil es auch um meine Vergangenheit geht), sehr
korrekt und soweit wie möglich, objektiv bewertet und geurteilt hat.
Aber worauf will ich eigentlich hinaus. Mein damaliger Einsatz ist ja nun mit
Sicherheit keiner Untersuchung wert. Ganz klar. Aber für mich stellt sich dabei
eine ganz andere Frage:
Trotz größter Anstrengung und fast bis an die Schmerzgrenze herangegangenem
Nachdenkens, fallen mir keine weiteren, evtl. wichtigen Begebenheiten von
damals, ein. Habe ich also bewusst irgend eine wichtige Tatsache nicht erzählt?.
Aus meiner Sicht nein. Ist dann meine Geschichte für die Geschichtsschreibung
relevant, weil ich aus meiner Sicht die Wahrheit gesagt habe? Mal abgesehen
von der Unwichtigkeit meine Story für die Menschheit, ist sie eigentlich nie
und nimmer dazu geeignet. Wären wir DDR geblieben, dann sowieso nicht.
Schlagartig anders wird diese ganze Sache jedoch dann, wenn an irgendeiner
Stelle der Gedenkstätte in Hohnschönhausen zu Vorgängen genau aus dieser
Zeit und genau zum Bau der Kinder- u. Jugendsportschule, berichtet wird, wo
die von mir geschilderten Abläufe eine bedeutsame Rolle spielen könnten. Es
wäre doch durchaus denkbar, dass ein heute noch lebender Insasse von damals,
sich zum Helden der heutigen Zeit gemacht hat und im Gegensatz zu meinen
Darstellungen, ganz andere Aussagen trifft. Natürlich müssten dessen
Erlebnisse mit den meinigen auch genau im 8 Wochenzeitraum meines
Einsatzes passen. Aber wem, um Gottes Willen würde das schon interessieren.
Es würde nur das Horrorszenarium des Häftlings zählen.
Und solche Geschichten gibt es seit der Wendezeit zu Tausenden. Und das ist
es, was die oben Genannten auf die Palme bringt. Natürlich gab es viele
Ungerechtigkeiten im Umgang mit politisch Andersdenkenden. Aber das dafür
ausgedachte Strafgesetzbuch (StGB) wurde nicht von uns geschrieben. In der
Umsetzung dieser Paragraphen haben sich mit Sicherheit bei uns welche mit
besonderem Eifer hervorgetan. Das kenne ich. Heute sage ich dazu: "Das muss
gefühlte Ideologie oder Charakterideologie" gewesen sein, wenn es denn so was
gibt.
Das wurde gezüchtet .Das gab es wirklich. Das waren bei uns die sogenannten
Karrieristen, eben, so wie heute auch.
Aber nun ich möchte noch einmal auf die eigenartige Gefühlslage von uns, zur
Wendezeit zu sprechen kommen. Ich habe jedenfalls noch nichts darüber
gelesen ( aber man kann ja nicht alles wissen), ob sich damit jemand schon mal auseinandergesetzt hat. Ist mir auch egal (wenn’s keine Lügen sind). Nach fast 40 Jahren politisch-ideologischer und fast 25 Jahren militärischer
Erziehungsarbeit, musste man von uns Verbrechern doch eigentlich erwarten,
dass wir uns schwer bewaffnet in den konterrevolutionären Abwehrkampf
gestürzt hätten. Also im Sinne der Verteidigung der Errungenschaften usw.
Bloß, warum geschah das denn nicht!!. Soll ich es sagen? - Ja genau: Wir
wollten gar nicht. Noch mal: Wir wollten nicht!!!
Auch das wird den obigen, kommerzinteressierten Veranstaltern der
Gedenkstätte nicht interessieren.
Das ist nicht zu glauben, stimmst? Aber es war so und nicht anders.
Um das zu klären, muss ich einige Geschehnisse dieser Zeit schildern. Wie in
allen Städten, so war auch bei uns eine Demonstration von ca. 5% der
Bevölkerung unseres Gebietes vorgesehen. Wir kannten natürlich die
Stimmungslage durch Demonstrationen von anderen Orten der DDR. Zu dieser
Zeit gab es auch Absprachen auf Leitungsebene zwischen Dienststellen des
MfS und den Veranstaltern der Demonstrationen, hauptsächlichst mit
kirchlichen Kreisen. Die Kirche war sehr daran interessiert, dass es zu keinen
Ausschreitungen seitens der Demonstranten kommt, was u.U. Anlass für
Gewaltanwendung hätte werden können.
Und das war dann auch so, es kam zu keinen nennenswerten Zwischenfällen an
den zwei Samstagen.
Aber wer macht sich denn eigentlich einmal darüber Gedanken, welch tiefer
Sinn sich dahinter verbirgt, warum es so und nicht anders gekommen war. Das
es an der Besonnenheit der Kirche lag, das ist klar. Aber wer gehörte denn noch
dazu.....na?, genau, das waren auch und im Besonderen die bewaffneten
Organe, oder etwa nicht?. Wir hatten mit Sicherheit die Waffen zur Verfügung,
um unseren heutigen Ruf als verbrecherische Organisation gerecht zu werden.
Wer hätte uns denn daran hindern können unsere Waffen einzusetzen? Sie
standen im Waffenlager einsatzbereit. Na....., woran lag es, dass wir sie nicht
eingesetzt haben? Die Bürgerrechtler von damals werden dies bis heute nicht
positiv bewerten, denn es passt ihnen nicht, und weil das so ist, denken und
handeln sie auch heute noch so im Umgang mit uns. Auf einen Nenner
gebracht:
dumm und naiv
Aber ich will und kann es sagen, warum es damals so und nicht doch anders
gekommen ist, denn nur ich und kein arroganter, "Runder Tisch"
Bürgerrechtswichser von damals, kann und will sich in die alles entscheidende
Situation von damals hineinversetzen.
Denn würden sie das tun, dann könnte es vielleicht doch zur Verständigung
kommen. Aber das wollen sie natürlich nicht, denn Konfrontation ist immer noch das beste Mittel, im Geschäft zu bleiben. Und weil das so ist, muss ich
Aufklärung bringen. Also bitte lesen, ihr RT von gestern und SU von heute:
Während dieser Zeit jagte eine Dienstversammlung die nächste. Es herrschte
absolute Kopflosigkeit in den Führungsetagen des MfS und denen der Partei. Es
gab nur eine klare Anweisung - kein Einsatz von Schusswaffen. Evtl.
Objekteindringlinge sollten nur mit körperlicher Gewalt daran gehindert
werden. Absurd die Vorstellung, ca. 5.000 Personen daran zu hindern. Na gut,
es kam ja nicht dazu. An den Tagen der Demonstrationen waren wir alle im
Dienstobjekt, zusätzlich erhielten wir als Verstärkung hochkomplex
ausgebildete Nahkämpfer, wie ich sie bis dahin nur in Filmen gesehen hatte.
Wir konnten sehen, das einige Demonstranten versuchten, über die
Objektumzäunung einzudringen. Es war einzig und allein dem umsichtigen
Handeln der Ordner dieser Demonstrationen zu verdanken, das es zu keinen
Ausschreitungen kam.
Und zum ersten mal in meiner fast 25 jährigen Dienstzeit kam es für unsere
Verhältnisse zu einer fast gespenstischen Fragestellung unseres Chefs:
"Genossen, wir müssen jetzt selbst entscheiden, sollte es zu weiteren
Demonstrationen kommen, wie sichern wir, das es nach Eindringen in unser
Objekt, nicht zur Mitnahme der eingelagerten Waffen kommt und des damit
verbundenen evtl. Gebrauchs dieser Waffen von gewalttätigen Personen."
Wenn ich dabei an die möglichen Folgen denke, wird mir jetzt noch schlecht.
Wir waren keine Killer.
Und jetzt kommt’s, ich machte den Verschlag und sagte damals:" jetzt herrscht
ja Ruhe und es ist eine günstige Gelegenheit, alle Waffen abzugeben, denn sind
keine mehr da, kann auch nichts passieren." Eine groteske Situation war das,
-wir entwaffnen uns selbst-.
Ganz einfach.
Unser Chef stellte die für uns damals fast religiöse Frage:" Wer dafür ist, die
Waffen abzugeben, hebe die Hand". Ob es die Wichser von heute glauben oder
nicht, wir fühlten uns von einer großen Verantwortung befreit.
Und nix da, mit den reißerischen Mitteilungen in den damaligen Medien wie "
Stasimitarbeiter wurden von Reformkräften entwaffnet". Ich weiß es noch wie
heute. Nach Absprache mit dem Leiter des damaligen VPKA erfolgte an einem
bestimmten Tag die Übergabe unserer Waffen an die Volkspolizei. Also noch
einmal: Wir waren es selbst, die die Waffen freiwillig abgegeben hatten. Es
gab keine spektakuläre Entwaffnungsaktion. Wir waren keine schießwütigen
Idioten. Wir kannten ja die meisten der damaligen VP Leute von denen und wir
verstanden wechselseitig, das ist der Anfang vom Ende. Aber wir spürten keine
Traurigkeit und waren auch nicht entsetzt.
Es lief alles problemlos ab. In den nächsten Tagen räumten wir unsereSchreibtische und sagten dann irgend wann zu unseren Chef "Tschüss". Das
wars damals. Völlig unspektakulär. Einige Mitarbeiter hatten sich eher
verabschiedet. Sie hatten bereits Arbeit in der Wirtschaft, die restlichen
Mitarbeiter gingen bis ca. 05.01.1990. Auch ich nahm entsprechend der
Forderung „Stasi in die Volkswirtschaft“ eine Tätigkeit in dieser auf. Dabei
erinnere ich mich heute an eine Begebenheit dieser Zeit, die sehr prägend für
die damalige revolutionäre Stimmung in Ostdeutschland war und über die
geistige Haltung von uns Stasischweinen (SS) hinaus ging. Auch was das
Demokratieverständnis dieser Leute kennzeichnete. Eines Tages stürmten so ca.
10 Handwerker, teilweise mit Eisenstangen bewaffnet in den kleinen
Werkraum, in dem ich mit einen weiteren Kollegen an der Drehbank arbeitete
und sie schrien, dass sie erfahren haben , das hier ein hochrangiger Offizier der
Stasi arbeiten würde und sie wollten mit mir abrechnen. Ich war und bin kein
Held, also mulmig wars mir. Ich dachte, jetzt schlagen sie dir den Schädel ein.
Sie deuteten auf meinen Kollegen und erklärten ihm, er könne sich jetzt an mir
rächen, da ich einer von denen sei, der Mitschuldig ist, dass sein Sohn im
Stasigefängnis saß. Aber es geschah wie im Märchen, denn der Kollege war
zum Glück für mich sehr konsequent und vertrat die Meinung, dass es
ausschließlich sein Problem sei, zu reagieren, wie er will. Das wundersamste
aber war seine Bemerkung das sein Sohn wegen der Absicht des illegalen
Verlassens der DDR in Untersuchungshaft der Stasie war, er ihn dort jederzeit
besuchen konnte, er im Gefängnis an der Fertigstellung von Hasenställen
arbeiten konnte und von den Stasileuten( und das ist kein Witz) jederzeit
korrekt und gut behandelt worden sei. Er hat damit vielleicht meinen Schädel
gerettet. Aber noch wichtiger ist für mich heute die Erkenntnis, das wir schon
viel weiter im Zusammenwachsen beider Staaten wären, würde jeder seine
ehrliche Erfahrung wiedergeben. Ich hoffe, ich verletzte jetzt nicht diejenigen,
die ganz andere Erfahrungen im Umgang mit der Stasie gemacht haben. Da
dieses Ereignis im Vorfeld der Volkskammerwahlen im März 1990 stattfand,
gab man mir damals die unmissverständliche Aufforderung mit auf dem Wege,
bei meiner Gesundheit, die CDU zu wählen. Na gut.
Das wars.
Eine nachträgliche Betrachtung ist aber doch noch notwendig.
Das gemeine Wichsertum (das Volk: das meine ich keinesfalls abwertend), hat
wieder einmal seine dialektisch auferlegte Pflicht erfüllt und neue Oberwichser
erzeugt. Aber dabei ist etwas ganz eigenartiges passiert:
Die Ostdeutschen erhielten die historisch sehr interessante Möglichkeit, zwei
völlig unterschiedliche gesellschaftliche Systeme in ihren Wirkungen zu
vergleichen. Und sie stellten fest:
1. Andersdenkende können jetzt ihre Meinung sagen, wann und wo immer sie wollen. Herrlich - endlich frei - oder doch nicht?
denn was ist, wenn ich als gemeiner Wichser Veränderungen im
Grundgesetz erzwingen will?
2. Die Medienzensur ist beseitigt - herrlich - oder bedenklich?
denn was bestimmt die Medienwelt - Interesse an Aufklärung oder
Kommerz?.
3. Es herrscht wieder das Privateigentum - herrlich- für alle?
denn was haben die 40% Ostdeutschen davon, die in Armut leben?
G.K
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