Kurzgeschichte


Der Weg ist das Ziel

Der Weg ist das Ziel

Als ich wieder einmal vor Ende der Mittagspause in unser sogenanntes Zimmer 19 hetzte und die Tür des kleinen verwinkelten Raumes öffnete, bemerkte ich, daß das Zimmer leer war.
Das Fenster zum Hof war angekippt und der kalte widerliche Qualm der aufgerauchten Kippen im Aschenbecher kam mir übelriechend entgegen. Nichtsdestotrotz kramte nun auch ich meine Zigarettenschachtel und das billige grüne Plastikfeuerzeug hervor, um mir genüßlich eine Davidoff Gold anzuzünden. Dabei dachte ich, ausnahmsweise war es heute mal ganz okay, mir in dieser Minute meinen Glimmstängel ohne diverse Gesellschaft einverleiben zu können. Sorry, ich glaube manchmal braucht man keine Ablenkung dabei.

Sogleich wurde ich nach dem bisherigen Streß an diesem Vormittag ein wenig ruhiger. Tausend Dinge gingen mir nun durch den marodierenden Schädel. Ich schaute dem Qualm nach, wie er durch den schmalen Fensterspalt den Weg ins Freie suchte. Mein Denken nahm urplötzlich sprunghafte Formen an.
Nun, ich fürchte es suchte mein ebenso sprunghaftes Wesen. Spaß beiseite. Ich begann also absurder Weise neidisch auf den Zigarettenrauch zu werden. Lächerlich.
Vielleicht ist neidisch ein falscher Ausdruck für meine skurrile Art der spontanen Bewunderung. Egal.

Er kam hier unbemerkt raus und niemand hielt ihn zurück. Das ist wahrliche Freiheit in meinen Augen. Abrupt brach ich jedoch diesen Gedanken mit der philosophischen Feststellung ab, daß wohl ein Mensch, was wir nun einmal sind, in dieser Welt niemals komplett frei sein würde.

Also zügelte ich meinen Gedankengang und konzentrierte mich darauf, daß mir zum Beispiel ein Apfel mit Sicherheit in Hinblick auf meine Gesundheit und allseits beliebte Schaffenskraft jetzt gerade bessere Dienste erwiesen hätte. Wer kennt das nicht, das Fleisch war willig, doch leider machte mir der Rest einen fetten Strich durch meine Milch-Mädchen-Rechnung.

In diesem Zusammenhang fiel mir die Geschichte vom kleinen Jungen Jason ein. Jason war erst sechs Jahre alt, sehr aufgeweckt, phantasievoll und ein leidenschaftlicher Skateboardfahrer.

Wenn man ihn mit seinem fahrbaren Untersatz sah, wie er mit Leichtigkeit seine erfundenen Figuren darstellte, mochte man kaum glauben, daß dazu doch erheblich viel Training und Übung von Nöten war.

Jason trug gern sein kleines rotes Basecup, natürlich verkehrt herum, was für eine Frage, und seine eigens kreierten Skaterklamotten wozu auch die Schlabberjeans mit den großen Taschen gehörte. So oft ich ihm begegnete, mußte ich etwas schmunzeln, denn in irgendeiner dieser bereits erwähnten Taschen trug Jason stets einen leckeren Apfel mit sich herum. Gut, wenn sich der Tag dem Ende neigte, beobachtete ich auch schon, daß er den Apfel längst gegessen haben mußte, weil sich keine Hosentasche mehr so wölbte, um darin etwas derart Rundes vermuten zu können. Einmal grübelte ich nach, ob er ihn sich regelmäßig selbst aus der Obstschale nahm oder ihn ein Elternteil vielleicht ab und an dazu animierte.

Der kleine Junge war richtig süß, mit seinem dunklen gelocktem Haar und den großen braunen Kulleraugen anzusehen.

Jason wohnte gleich in der Nachbarschaft und des öfteren sah ich ihn während meiner damaligen Krankheit namens Jogging im nahegelegenen viel beliebten Stadtpark. Dort befand sich auch unter anderem am Rande der grünen Oase ein großes aufwendig und mit viel Liebe errichtetes Skatergelände. Es war voll in den Händen von halbwüchsigen Skaterprofis, die dort ihre bisweilen doch sehr waghalsigen Darbietungen zur Schau stellten. Eines Tages, wieder beim wöchentlichen Joggen, bekam ich eine Szene, die Jason betraf, in diesem Gelände mit.
Man brauchte nicht viel Phantasie, um zu erkennen, daß die älteren Jungen Jason hier nicht wollten. "Verschwinde, Dreikäsehoch mit babyblauen Pampers, hörst du?!", pöbelten sie ihn unverschämt an. Wie versteinert stand nun der Kleine, den Kopf gesenkt, sicherlich den Tränen nahe, am Geländer und ich empfand tiefes Mitgefühl für ihn. Aber einmischen wollte ich mich natürlich nicht unbedingt.

Traurig und mit hängenden Schultern verließ er den Platz und rannte dann schnurstracks Richtung Liegewiese. Entmutigt blickte er sich nochmals zu den Größeren um. Doch jetzt blieb er stehen, legte sein Board auf den Rasen und tastete seine Jeanstaschen nach dem besagten Apfel ab. Er holte ihn sich mit einem schmollenden Gesichtsausdruck hervor und ließ sich auf seinem Rollbrett nieder.

Verstohlen zum Fußballfeld nebenan blickend, mampfte er nun trotz allem voller Genuß seinen großen grünroten Apfel. Er sah schon recht riesig aus in seinen kleinen ungeschickten Händen. Er aß ihn recht hastig.
Ich lief also weiter und kümmerte mich nicht mehr um ihn. Sein Verhalten signalisierte mir, in seinen Gedanken war nichts verloren. Schön.

Mittlerweile war etwas Zeit verstrichen und ich joggte nun auch vorläufig nicht mehr. Man sollte ja alles im Leben ruhig angehen. Oder nicht?
Ab und zu sah ich Jason mit seinem Großvater die Straßen unseres kleinen Viertels entlang gehen. Enkelchen Jason trug natürlich immer sein Skateboard im Arm oder kurvte vor Opas Augen damit umher. Wenn die beiden mir über den Weg liefen, amüsierte ich mich heimlich darüber, denn jetzt waren öfters zwei Apfelverschlingende unterwegs. Es schien, als würde der Opa von Jason ihm oft hilfreich beim Üben zur Seite stehen. Was für ein drolliges Paar sie doch abgaben.

Eines späten Nachmittag gegen 17.00 Uhr war ich, müde von der Arbeit, auf dem Heimweg und die zwei gingen an mir freudig aufgewühlt vorbei. Ich hörte die Worte, die aus dem Mund des kleinen Jason hervorsprudelten. Ja, und nun verstand ich auch diese euphorische Stimmung der beiden Skateboardbegeisterten. Der Ehrgeiz von Jason schien sich, unüberhörbar nach geraumer Zeit ausgezahlt zu haben. Gegenseitig machten sie sich staunende Grimassen nach. Höchstwahrscheinlich die der Halbwüchsigen am eingehends erwähnten Stadtparkrand.
Somit entschloß ich mich augenblicklich, nur der Neugierde halber, wieder in meine Sportkluft zu steigen und in meinem alten Territorium zu joggen. Eigentlich brauchte es keinen zweiten Anlauf, zum Leidwesen meiner Kondition, denn schon am nächsten Tag traf ich Jason auf dem Profigelände und es war wundervoll wie alle ihn dort anfeuerten und bewunderten. Selbstverständlich kam der Opa von Jason auch hierher, zwar ein wenig im Hintergrund, aber doch als moralische Unterstützung anwesend.

Zurück zu mir. Nun meine Zigarette war gleich auf geraucht und ich war noch hier. Naja ich war kein begnadeter Skateboardfahrer und hatte schon gar keine Lust, morgen das Rauchen aufzugeben und das Joggen wieder zu beginnen. Aber zumindest habe ich ein trostspendendes Hobby, in dem ich hoffentlich talentiert genug bin, um vielleicht eines Tages mit dem Apfel in der Hand statt einer Zigarette meinem Ziel, mehr Freiheit, entgegen zu segeln.
Wer weiß.

 

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