Geschichte


Lulu, der kleine Delfin

[Manuskript]

Gedacht ist diese kleine Geschichte für all diejenigen unter uns, die ihr kleines Kinderherz bis hin in das Erwachsenenalter in sich bewahren konnten und dies als besonders wertvoll und stärkend empfinden.

Sie handelt von einem neugierigen und aufgeweckten Delfinkind namens Lulu. Lulu und seine Eltern leben zusammen mit ihrer Gruppe und noch anderen Meeresbewohnern in den Tiefen des Ozeans.

Lulu spielt mit seinen Freunden und erlebt so manchen schönen Tag in seinem noch so unbeschwerten Leben.

Doch Lulu ist wißbegierig und ein wenig eigenwillig. Und so wird er eines Tages mit einer ernsten Sache konfrontiert, die ihm alle Kräfte abverlangt.

"Ach Lulu jetzt hör schon endlich auf, ständig zu fragen, warum ist dies so und das so, du lernst schon noch alles mit der Zeit. Du bist klein und kannst schön alles langsam angehen!"
"Aber warum denn?", schrie der kleine Delfin wieder.
"Oh Mann, jetzt reichts aber!"
Lulus Onkel Mero war heute nicht so gut drauf und deshalb nervte es ihn, Lulus Fragen zu beantworten.
"Los, geh zu den anderen kleinen Quälgeistern!"
"Oh Mero, du weißt doch, daß sie mich so unendlich langweilen mit ihren kindischen Spielereien!", fährt Lulu aufgeregt dazwischen. Mero schaut wütend drein und erwidert: "Mir egal! Mach was du willst, aber halt mich da raus! Und mach ja nichts Unerlaubtes, hörst du!"

Lulus Mundwinkel hingen einen Augenblick nach unten und er machte ein trotzig trauriges Gesicht. Doch urplötzlich schoß es ihm in den Kopf, seine Eltern mochten es ganz und gar nicht, wenn er zu den Felsen an der Bucht weit draußen schwamm, weil man dort viel zu nah an die Menschen herankam.

Entsprechend machte sich Lulu schnurstracks unerlaubter Weise auf den Weg.

Seine Augen strahlten. Er war voller Neugierde und euphorisch, wollte unbedingt einen Menschen sehen. Eines von diesen anderen Wesen.
Sie lebten nicht wie Lulu und seine Verwandten im Wasser. Oh, nein. Nur manchmal waren sie doch im Wasser und sie schwammen auch, aber anders, dachte Lulu.

Lulu mußte zugeben, daß ihn das alles ziemlich verwirrte und er verstand auch nicht, daß, obwohl die Menschen auch schwammen, er nicht das konnte, was sie konnten, nämlich Laufen.

Wann immer er so ein Wesen mit seinen Blicken erhaschte, war er überglücklich darüber.

Inzwischen machte sich seine Mutter, Shala, schon ziemliche Sorgen und hoffte, daß er nicht wieder die Regeln mißachtete.

Aber nun das hielt Lulu, ohne darüber momentan Kenntnis zu haben, nicht im Geringsten davon ab, weiter zu schwimmen, um eine Menschengestalt zu suchen, selbst, wenn er sich denken konnte, daß sich seine Mutter um ihn wieder einmal sorgte.
Er merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Mittlerweile war er angekommen, doch seine Laune schwenkte schlagartig in Enttäuschung um.
Heute war kein besonders schönes Wetter. Eine bedeutende Tatsache.
Immer wieder schwamm er hin und her, spielte etwas mit den anderen kleinen bunten Fischen, um dann neuen Mutes wieder aufzutauchen.

Lulu war ein wunderschönes Delfinjunges. Sein Strahlen nahm alle für sich ein. Und er war wohl ständig guter Laune, zumindest schien es immer so.
Doch so oft Lulu heute aus dem Wasser lugte, konnte er nichts entdecken, was auch nur in irgendeiner Weise an einen Menschen erinnerte.

Lulu wurde nun wieder langsam traurig. Er hatte es sich so gewünscht. Jetzt mußte er ohne Entdeckung wohl den ganzen langen Weg zu seiner Familie zurück schwimmen.

Anzumerken wäre an dieser Stelle, daß der Weg dorthin tatsächlich nicht all zu lang war, es Lulu aber immer so vorkam, sobald er auf dem Rückweg nicht herum- phantasieren konnte, über das, was er eventuell gesehen hatte.

Sicher würde es Ärger geben bei seiner Ankunft im Lager, denn es war doch schon ziemlich spät geworden und man mußte auch immer vorsichtig sein auf dem Weg, denn kleine Gefahren oder besser ein ganzer Haufen an Gefahren lauerten schließlich auch im Meer für den kleinen Delfin.
"Und das alles ohne eine einzige Neuentdeckung. Wie frustrierend.", dachte Lulu so bei sich.

Als er zu Hause ankam, schien niemand wirklich groß Notiz von ihm zu nehmen. Das wunderte Lulu und dem wollte er natürlich auf den Grund gehen. Da gab es doch keine Frage.

Der gute Onkel Mero sah ihn als erstes, aber es kam nur ein enttäuschendes Kopfschütteln und eine Bewegung mit seiner rechten Flosse von ihm, sonst kein Wort. Still schwamm er dann davon. Wie auch könnte es anders sein, Lulu münzte es sofort auf sich. Ihm war ja bewußt, was er da wieder getrieben hatte. "Mama!", rief er: "Warum sind alle auf einmal so niedergeschlagen?", fragte er sie bittend, ihm eine Antwort zu geben. Insgeheim hoffte er doch, daß er keine Schuld daran tragen würde.

"Ach Lulu, da bist du ja. Schön!" Ihre Stimme klang sehr leise und bedrückt: "Weißt du Lulu, unser Onkel Sato, der Älteste von uns allen, es geht ihm nicht gut."
"Na und?", fragte er sie mit fordernder Stimme. Die Mutter sah ihn an, sie mußte sich ein kleines Lächeln heraus quälen: "Lulu, er ist alt, sehr alt und sollte er sterben müssen, werden wir hier alle traurig darüber sein. Er fiel ihr ins Wort: "Achso!", murmelte Lulu, unwissend, um die tatsächlichen Hintergründe, vor sich hin, denn er konnte nicht ahnen, was seine Mutter gerade meinte.
Er wollte es wissen, wollte dazu aber eigentlich seinen Onkel Mero fragen. Doch es schien, als wolle er ihm heute keine Fragen mehr beantworten.
Also mußte sich seine Neugier entweder doch an seine Mutter richten oder: `Ach, was`, sprach er mit sich selbst, `ich frage sie nach dem Abendessen.

Wie jedesmal vor dem letzten Mahl des Tages hörte man langsam, wie alle sich in die Gesänge der schönen Säugetiere mit einstimmten.

Lulu war stets begeistert von diesen Klängen, es waren Melodien bei denen man alles vergessen konnte. So wundervoll und harmonisch. Ja, insbesondere voller erwärmender Harmonie.
Lulu versuchte immer schon mal mit zu singen, aber er war noch zu jung und noch nicht entsprechend körperlich in Sachen Klangtechnik ausgebildet. Also lauschte er doch lieber den sanften beruhigenden Klängen. Selbstverständlich wollte er diesen Versuch vollkommener Übereinstimmung untereinander nicht im Geringsten stören. In höchstem Maße davon beeindruckt, war sein Respekt groß genug.

Es schien so, als würden sich alle Delfine und überhaupt alle Säugetiere in diesem Meeresabschnitt auf eine unerklärliche und überaus bezaubernde Weise miteinander unterhalten.

Lulu begann nachzudenken. Onkel Sato hatte er schon einmal gesehen, aber er erinnerte sich auch, daß er ein wenig Angst vor ihm hatte, ja dachte er, er ist schon ziemlich alt. Seine Augen sahen anders aus als die seines Vaters Bogo. Man könnte sagen, Satos Augen waren trübe. Auch schwamm Sato kaum noch, eigentlich gar nicht mehr, sondern verweilte in seinem kleinen Unterschlupf, selbst die Mahlzeiten wurden ihm regelmäßig von verschiedenen Mitgliedern der Gruppe dorthin gebracht. Nur um Luft holen zu können, tauchte er hin und wieder auf an die Oberfläche.
"Mama", flüsterte Lulu zu seiner Mutter, als die Stimmen nach und nach verklangen, "sag mal, was ist das so richtig: sterben?"
Die Mutter flüsterte sanft zurück: "Lulu jetzt hör mal, heut nicht mehr! Hüpf jetzt in dein Nest, morgen ist auch noch ein Tag!", gab ihm die Mutter unmißverständlich zu verstehen.

Lulu traute sich nicht wie sonst, um Antwort zu betteln und gehorchte der Mutter. Er wußte, daß sie es sicherlich mitbekommen hatte, wie unartig er wieder einmal war.

Es dauerte an diesem Abend eine Weile, bis der kleine Delfin einschlafen konnte. Immer wieder ging es ihm durch den Kopf. Sterben, Sterben. Sato ist alt, alt.
Und wie so oft konnte er kaum den darauffolgenden Morgen abwarten.

Der Morgen begann jedoch in einer ungewohnt hektischen Atmosphäre. Der große Rat wurde wegen dem kranken Sato einberufen. Auch seine Mutter war nicht in der Nähe. Lulu aß sehr hastig etwas, um dann sofort Mero aufzusuchen. Aber alle hatten schon ihre Plätze eingenommen. Auch Mero.

Daraufhin suchte sich Lulu ein kleines Versteck, von wo er vielleicht ein wenig zu sehen oder zu hören bekam. Junge Delfine waren hier eher unerwünscht. Natürlich sah und hörte Lulu etwas, aber er verstand noch nicht, worum es bei diesen lauten Gesprächen der Gruppenmitglieder ging.
Also hieß es wieder Warten. Plötzlich war Shila, die Nervensäge, hinter ihm. Er erschrak und ihm wurde feuerheiß.

Shila war ein kesses Delfinmädchen und immer ziemlich frech, aber trotzdem fühlte man sich in ihrer Nähe wohl. Lulu mußte zugeben, daß ihn das immer ein wenig irritierte. Shila war bereits einige Jahre älter als er.

"Na, Lulu!", stupste sie ihn, "lauschst du etwa? Du kleiner törichter Meeresbewohner!" Lulu war ein kleines bißchen abwesend in ihrer Gesellschaft. Er wußte nicht, was für einen Streich sie wieder vorhaben könnte. Er nahm jetzt all seinen Mut zusammen und fragte schließlich: "Shila, verstehst du so richtig, über was die Erwachsenen da reden?"
Mit offenen Augen blickte sie ihn an: "Phh, du bist mir aber einer", und schon war sie wieder in ihrem Element, "kannst du dir das denn nicht denken?" Energisch schüttelte Lulu den Kopf. "Sato", fuhr sie fort, "wird nicht jünger und auch nicht gesünder und er ist doch unser lebendes Gedächtnis!"

Lulu stutzte und unterbrach sie: "Wie, lebendes Gedächtnis, daß verstehe ich nicht ganz?" Entnervt klärte sie ihn weiter auf: "Immer, wenn ein Gruppenältester im Sterben liegt, wird ein neuer Delfin auserwählt, als Nachfolger sozusagen. Dieser muß sich dann alles einprägen, was ihm der Älteste von vergangenen Zeiten anvertraut, wichtig Dinge, die niemals, niemals in Vergessenheit geraten dürfen!"

Lulu hatte sich das alles aufmerksam angehört, runzelte die Stirn und fragte stockend: "Soll es denn da so viel zu erzählen geben?" Dabei sah er nachdenklich seitlich nach unten. Auch Shila machte eine in sich gekehrte Miene: "Hm, naja.", gibt sie ihm zögerlich Antwort: " Es muß eine Menge sein, denn diese sogenannte Übergabe dauert meines Wissens bald zwei Wochen. Weiß ich von meinem Vater."
Dann entfernte sie sich mit einem hämischen Lachen und ließ Lulu allein.
Allein mit seinen unendlich vielen Fragen, die in seinem kleinen Kopf herum spukten.

Lulu brauchte jetzt erst einmal etwas Ruhe und so schwamm er zu der schönen Grotte, die sich unweit des Lagers der Säugetiere befand. Menschen verirrten sich hierher nur selten. Sicherlich, weil das Gewässer an dieser Stelle sehr heimtückisch war.
Nun, dort angekommen, mußte er das alles langsam verarbeiten. Nach einer Weile ging es ihm schon wieder besser. Jetzt fiel ihm auch wieder ein, wie einer der älteren Delfine einst sagte: "Die Menschen haben es da wohl einfacher, sie haben immer alles aufgeschrieben." Ja, das sagte einer von ihnen.

Was hieß denn das überhaupt, `aufschreiben`. Das kleine Knopfauge grübelte nach, was er dazu noch wußte. Mal sehen, hey klar, jetzt weiß ich es wieder. Er hörte einmal den Vater Späße über den alten Sato machen: "Der wird noch mal an seinem alten Schatz fest wachsen."

Der Schatz war ein dickes altes Buch, welches Sato in ganz jungen Jahren auf dem Meeresboden fand und es für sich behielt.
Natürlich konnte niemand darin lesen, aber Sato wußte von seinem Vater, daß darin Menschen Dinge aufgeschrieben haben mußten.

Doch mit alle dem was Lulu dazu hörte, war vorerst nichts anzufangen. Lulu verstand einfach nicht die Zusammenhänge.

Wieder zu Hause rief sein Vater von weitem, " Na, du kleiner Naseweis? Hast du vorhin auch schön brav etwas gegessen?"
"Ja, ja Vater ganz bestimmt! Vater, sag mal, weißt du wer jetzt zwei Wochen lang dem alten Sato zuhören muß?" "Nein noch nicht. Aber was stellst du denn für Fragen, hast dich wohl auf dem kleinen Hügel bei dem alten Schiffswrack versteckt, was?", gab ihm der Vater als Antwort.
"Dann kann ich ihm doch zuhören. Was meinst du dazu, Vater?"
Der Vater glaubt nicht recht zu hören und lacht laut. "Das geht nicht, Lulu, wirklich nicht. Nach der Tradition wird außerdem immer der nächste Stammesälteste dazu berufen."
"Das ist ja gemein! Und, wenn sich dieser alte Delfin überhaupt nicht dafür interessiert?", stampfte Lulu. "Lulu das schlag dir mal schleunigst aus deinem kleinen Dickkopf. Ist das verständlich genug für dich?"

Das Lachen des Vaters über seine Idee war für Lulu wie ein Stich ins Herz. Er machte ein bockiges Gesicht und schwamm davon, nachdem er sich wütend noch mal kurz zu seinem Vater umdrehte. Er wußte erst gar nicht wohin ihn seine Wut im Wasser tragen würde. Er schwamm einfach durch die Gegend.
Heute nahm er auch nicht all die wunderschönen bunten Meerespflanzen und Tiere um ihn herum wahr. Normalerweise war er sonst so hingerissen, daß ihm manchmal vor Staunen der Mund offen stehen blieb. Er spielte auch viel mit ihnen, wenn es sich so ergab.

"Na, wie bist du denn drauf?"
Es stellte sich ein großer Tintenfisch in seinen Weg.
"Ach, du bist es Blacky.", begrüßte Lulu halb erschrocken und halb traurig seinen Freund.
"Hast de wieder Bockmist fabriziert, Lulu?", fragte der furchteinflößende Tintenfisch ihn.
"Oh, laß mich Blacky!", seufzte Lulu.
"Hey Lulu, was meinst du, wenn ich mit dir käme, hättest du dann Lust mit an die Bucht zu kommen?" "Au, ja! Warum eigentlich nicht?", entschloß sich Lulu kurzerhand. Auf jeden Fall würde ihn das garantiert auf andere Gedanken bringen. Nun der Tintenfisch war clever, eins zu null für ihn. Blacky liebte den kleinen Delfin außerordentlich.

Sie schwammen also los und spielten unterwegs ein wenig Fangen miteinander. Lulus Traurigkeit verflog also nach und nach. Kein Wunder, denn eigentlich war er ja auch eine Frohnatur, wenn bloß nicht immer dieser verdammte Ehrgeiz wäre.

In der Region war heute wunderschönes Wetter, nicht so warm zum Baden, aber zum Sonnen schon.

Beim Auftauchen machten sie daraus ein kleines Wettschwimmen und der Tintenfisch gewann. Das war Lulu im Augenblick völlig egal, denn als er aus dem Wasser sprang, sah er viele, viele Menschen in der Bucht. "Blacky, sieh nur, weißt du was die da machen?"
"Die lassen sich die Köppe kochen, Lulu, was denn sonst?"
"Guck mal, Blacky, was die alles können!"
"Das könntest du auch, Lulu, das ist ein Ballspiel."
"Meinst du das ehrlich, Blacky?"
"Natürlich!", antwortete Blacky mit tiefer Stimme.

"Blacky, schau nur, da sieht fast jeder etwas anders aus, findest du nicht auch ?" "Hm, ja ein wenig schon, Runde, Haarige und welche, die aussehen, als wären sie vom Essen ausgeschlossen worden." "Siehst du Lulu, sie verständigen sich auch untereinander, genau wie wir." Lulu nickte. Er konnte kaum zuhören, denn er wollte kein Auge von den wundersamen Menschen lassen.
"Man kann kaum glauben, daß diese Menschen uns töten könnten!", dachte Lulu laut.
"Ja", schnaufte der alte Tintenfisch, "aber es ist leider so und sie tun es."

Aber das war jetzt unwichtig. Lulu hüpfte im Wasser herum und stieß lustige Laute vor Freude heraus. Blacky amüsierte sich prächtig über diesen kleinen Kerl.

"Wieso sind wir so anders, Blacky?"
"Nun einmal gibt es unzählig viele Arten von Kreaturen auf der Welt und jede verständigt sich auch anders, das ist nun mal so, Lulu! Und natürlich hat jedes Geschöpf seinen Lebensraum und sein Dasein ist berechtigt!" Darauf hielt Blacky kurz inne und dachte bei sich, wie wundervoll doch Lulus Blaugrau in der Sonne schimmerte. Noch nie hatte er so einen außergewöhnlichen Farbton bei einem Delfin erblickt.
"Blacky, sie sagen unser alter Sato würde viel wissen!"
Umsonst machte Lulu diese laute Feststellung nicht vor dem Tintenfisch, den er unwissentlich aus seinen Gedanken gerissen hatte.
"Das ist gut möglich.", entgegnete er ihm. "Aber komm jetzt, du mußt wieder zurück!"

Auf dem Wege nach Hause dachte Lulu unentwegt daran, wie er am allerbesten an Sato herankam. Ihm fiel Tante Nelly ein. Er mochte sie gern, sie erzählte ihm manchmal lustige Geschichten aus ihrer Jugend. Zweifellos würde sie es seinen Eltern mitteilen, aber da hatte er wahrscheinlich schon Sato gefragt.

Zu Hause angekommen eilte er sofort zu ihr.
"Hallo Tante Nelly!", rief Lulu lauthals, als er sie sah.
"Na, du Räuber! Guten Tag! Alles okay?"
"Ja das schon. Sag mal, Tante Nelly, wie ist so unser alter Sato?"
"Warum fragst du das?"

"Weil ich gern mit ihm sprechen würde. Weißt du."
"Tja", überlegte Tante Nelly einen Augenblick, "wie soll er schon sein, er ist ein feiner Kerl, war immer sehr charmant zur mir und jetzt ist er eben alt. Aber warum fragst du denn mich so viel, schwimm doch einfach zu ihm, er frißt dich schon nicht. Na los! Sonst mußt du mein berühmtes Muschelragout kosten!"
Lulu schüttelte sich daraufhin furchtbar. Sein Leibgericht war das ja gerade nicht.
"Meinst du, Tante Nelly, ich kann einfach so zu ihm hin schwimmen und ihn Dinge, die mich interessieren fragen?", und dabei schaute er ein wenig entsetzt.
Noch hallend lachend über ihren Probiervorschlag und dem damit verbundenen Ekel in Lulus Gesicht, antwortete sie ihm: "Lulu, glaub mir, er ist kein Grobian!"
"Also gut, Tante Nelly, ich mache das."

Meistens schwammen vor Satos Unterschlupf kleine lustige Seepferdchen. Als Lulu aber heut dort ankam, war kein einziges von ihnen zu sehen.
"Merkwürdig", dachte Lulu bei sich, "wo sind die denn auf einmal?"
Als plötzlich Sato zu ihm sprach, erschrak Lulu.
"Lulu, mein Kleiner, ich habe dich bereits erwartet, mußt du wissen!"
"Onkel Sato, warum das denn?", Lulu brachte fast kein Wort heraus.
"Lulu, dein kleines Herz, ich konnte es bereits fast spüren, es ist voller Mut und unbändiger Lebensfreude, als wolle es vor Glück beinahe zerspringen! Dabei bist du noch so jung! Nun ja, vielleicht auch gerade deshalb." "Ja, Onkel Sato, ich möchte von dir einiges über deinen geheimnisvollen Schatz in Erfahrung bringen!" Jetzt sah Lulu auch, daß er tatsächlich schon sehr alt war.
"Lulu, das machen wir bestimmt, aber nicht mehr heute!" Lulu fragte noch ganz schnell: "Erzählst du mir von deinem Schatz?"
"Na," nickte der alte Sato, "du wirst schon sehen, Lulu." Es gelang dem Onkel Sato, Lulus derzeitige Aufregung zumindest ein bißchen zu schmälern.

Als Lulu nach der Verabschiedung gerade ausgelassen wegschwimmen wollte, rief sein Onkel noch hinterher: "Lulu, das Buch, das ich verwalte, es hat mit uns zu tun, hörst du? Vergiß es nicht, ich glaube an dich!" "Ja, lieber Onkel, ich werde mir Mühe geben, das versprech ich dir!"

Zu diesem Zeitpunkt konnte Lulu mit dieser Bitte seines Onkels jedoch nichts anfangen, aber er gehorchte mal wieder ausnahmsweise und wollte sich Satos Worte gut einprägen, so gut er eben nur vermochte.

Was Lulu noch nicht wußte, war, daß sich Sato sehr für ihn seit jeher interessierte. Er war von ihm überaus angetan. Wann immer seine trüben Augen den kleinen Lulu erblickten, war das für ihn sozusagen wie eine kleine Verjüngung. Nichts gab es hier, was ihn mehr beeindrucken konnte.

Beide schliefen heute abend, getrennt von einander, so ein, als würden sich ihre Herzen berühren und umarmen.

Am nächsten Morgen erzählte Lulu eifrig, was er erlebt hatte. Doch was war das? Alle sahen nach unten und keiner bekam Lulus scheinbar belangloses Geplapper mit.

Der Vater Bogo ging mit gesenktem Kopf, die Mutter war recht zerstreut und überall roch es nach Schwermut.

"Lulu", sprach seine Mutter zu ihm, "hör mal, du kannst heute nicht zu deinem Onkel Sato. Er ist leider heut nacht gestorben. Es tut mir leid."
Diese Nachricht traf Lulu wie ein Schlag. Plötzlich war er wie versteinert. Dann fing er an herum zu stottern. "Aber, aber hat denn diese wichtige Übergabe schon statt gefunden?"
Die Mutter schüttelt stumm den Kopf und wischt sich eine Träne weg.
"Na und jetzt?", schrie Lulu entsetzt.
Seine Mutter machte mit den Flossen eine Geste der Resignation. Gern wollte sie ihn trösten, aber Lulu schwamm so schnell er nur konnte davon.

Oh, nein, jetzt kann niemand mehr helfen, dachte er und die Tränchen kullerten nur so.

Nun ja, zu diesem Zeitpunkt schien es wohl auch so. Was er noch nicht wissen konnte, daß er der kleine Delfin das Blatt zum Wenden bringen konnte, wenn er versuchte, diszipliniert zu sein.
Plötzlich nahm er Merkwürdiges im Wasser vor der Bucht wahr. Jetzt wurde ihm auch erst bewußt, daß er bis hierher geschwommen war. Lulu traute seinen Augen nicht. Er sprach mit sich selbst. Na, so was, da war aber jemand ziemlich weit abgetrieben worden. Lulu schwamm noch näher heran, so schnell er konnte. Dann hörte er es auch schreien und sah ein wildes Strampeln.
Lulu tauchte sogleich blitzschnell so auf, daß das menschliche Wesen seine Rückenflosse packen konnte. Es gelang Lulu den jungen Mann an das Ufer zu bringen, zumindest so weit es ihm möglich war, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben. Den Rest meisterte das menschliche Wesen allein.
Dann entfernte er sich ein wenig vom Strand, aber er wollte diesen Menschen natürlich im Auge behalten.

Langsam kam dieses Wesen wieder zu sich. Lulu war überaus gespannt, er zitterte förmlich vor innerer Aufregung.

Der Gerettete hustete und schaute fragend umher. Noch ganz benommen fiel er immer wieder zu Boden, griff sich ständig an den Kopf und spuckte Wasser.
Lulu tauchte auf und wollte sich vorsichtig bemerkbar machen, sogar mit seinen kleinen neckischen Geräuschen. Der junge Mann sah den Delphin und winkte, er rannte taumelnd mit letzter Kraft auf eine kleine Felsausbuchtung und machte mit dem Arm eine Bewegung, als ob Lulu zu ihm schwimmen sollte. Lulu begriff das schon, aber eigentlich durfte er nicht. Doch er war mutig und irgendwie hatte dieser Mensch sein kleines Herz auf eine geheimnisvolle Art berührt.

Das menschliche Wesen sprach jetzt auch zu ihm und auf eine wunderbare Weise konnte Lulu ihn auch verstehen, aber der Mensch verständlicherweise nicht ihn.

Also machte Lulu immer nur Kopfbewegungen. Was Besseres fiel ihm im Moment auch gar nicht ein und es war ja auch die einzige Möglichkeit. Und wer hätte das gedacht, es funktionierte hervorragend.

Er sagte zu Lulu, daß er morgen wiederkäme und ob er ihm, seinem kleinen Retter, vielleicht einen Wunsch erfüllen könnte.
Lulu versuchte so gut es ging, seinen Kopf zu schütteln als würde die Antwort nein bedeuten. Sie verabschiedeten sich herzlich voneinander und der junge Mann machte Lulu nochmals darauf aufmerksam, daß er morgen auf ihn hier warten würde. Auch verriet er Lulu noch seinen Namen, er hieß Leon.

Auf dem Nachhauseweg steuerte Lulu aber erst einmal Blackys Revier an. Blacky war sein Freund. Wenn man ihn nicht kannte, vermochte er einem eine Riesenangst einzujagen. Seine Tintenfischarme waren groß, stark und unberechenbar.
Nun hoffte Lulu, daß sein Freund Blacky auch zu Hause sei und nicht, wie so oft nach Futter herumstöberte.

Na, das war ja knapp. Als er bei seinem Häuschen ankam, wollte er gerade auf und davon. Glück gehabt, denn Lulu mußte ihn doch unbedingt sein großes Erlebnis mitteilen und ihn außerdem noch wegen dem ominösen Buch von Sato ausfragen.

Lulu fuchtelte mit den Flossen herum. Blacky hatte ihn gerade noch gesehen und Lulu versuchte ihm zu verdeutlichen, daß sie doch beide zurück zu Blackys Steinhäuschen schwimmen sollten.

"Lulu, welchem Gespenst bist du denn über den Weg gelaufen?" Alles sprudelte erst mal aus Lulu heraus. Und Blacky hatte wirklich große Mühe, ihm so schnell zu folgen.
"Lulu", sprach der kluge Tintenfisch zu ihm, " jetzt mal ganz ruhig und nun noch mal ganz langsam von vorn, bitte, ja!"

Lulu erzählte ihm zuerst die Geschichte mit Sato, weil er ja nicht so recht wußte, was ein Buch ist. Und dann noch die aufregende Begegnung mit Leon am Strand.
Lulus treuer Freund, Blacky, erklärte ihm, daß man in einem Buch lesen kann, wenn man lesen könnte. Wie er wohl wußte, können das die Menschen.

Nun, augenblicklich fiel ihm da Leon ein. Das wäre ja die Idee.
"Lulu", sprach der Tintenfisch, "ich will dir ja gern helfen, aber weißt du denn wo der alte Sato das Buch versteckt gehalten hatte?"
"Na, ich denke wir werden es schon finden, Blacky. So groß ist sein Unterschlupf nun auch wieder nicht, oder?"

Sie gingen nun erst mal auseinander. Vorher verabredeten sie sich aber noch für Mitternacht.

Ihnen schien es am sinnvollsten, das Buch inzwischen bei Blacky unterzubringen.

Lulu durchfuhr es regelrecht als er nach Hause schwamm, ein kleines Wunder ist mir gerade widerfahren und vielleicht auch unserer gesamten Gruppe. Unzählige Gedanken gingen ihm durch den Kopf, von freudigen bis hin zu angsterfüllten.

Zur Mitternachtsstunde machten sich also Lulu und sein Freund, der Tintenfisch, auf den Weg zu Satos ehemaligen Unterschlupf. Sie fanden das Buch dann auch sofort. Zum Glück war es noch hier und kein anderer hatte den Gedanken im voraus. So weit so gut. Nur war das Buch sehr schwer und selbst der starke Blacky hatte große Mühe damit. Ständig mußte er es absetzen.

Der Morgen brach an.
Inzwischen herrschte in der Delfingruppe eine betrübte Stimmung. Niemand wußte so recht, was weiter geschehen sollte.

Währenddessen waren Blacky und Lulu endlich am Ziel angekommen und sahen auch schon Leon am Wasser stehen. Er rannte wieder auf den Felsvorsprung und mit aller Kraft warf Blacky das Buch in seine Richtung, aber so, daß er den jungen Mann nicht damit aus Versehen traf.
Alles hat geklappt, jetzt mußte Lulu es aber geschickt anstellen, daß Leon verstand, was er für ihn tun sollte.

Also ging wieder die dämliche Fragerei los.
"Hey, Kleiner, was soll ich denn damit, willst du mir dieses schwere Buch vielleicht schenken?"
Energisch schüttelte Lulu mit dem Kopf.
"Ich verstehe, also nicht. Soll ich es irgendwo hin bringen?", fragte Leon wieder.
Auch da bekam er nur ein Kopfschütteln von dem kleinen Delfin.
Scherzhaft fragte Leon, "Soll ich dir daraus vielleicht etwas vorlesen?"
Und da war es, das freudestrahlende Lächeln eines überglücklichen Delfins. Lulu machte halbe Loopings und meckerte wie noch nie.
Blacky und auch Leon waren überaus entzückt.
Lachend fragte Leon, "Na sag mal, willst du mich etwa veräppeln, das kann doch unmöglich dein Ernst sein?" Doch Lulu fand dies gar nicht witzig, schüttelte zum wiederholten Male den Kopf und machte ein komisches Gesicht. Zum Totlachen komisch.

Da hielt Leon inne. Es kam ihm der Gedanke, daß der Delfin wie es schien jedes seiner Worte verstand. Und er erinnerte sich auch an die Forschungsarbeit, die er einmal las.
Darin ging es um das Gehirn der Delphine und darum, daß diese Tiere dieses Organ außergewöhnlich nutzten.

Also betrachtete er diese ganze Angelegenheit jetzt mit dem nötigen Ernst.

"Wie viele Seiten soll ich dir täglich darin vorlesen? Ach, weißt du was, das kriegen wir schon zusammen irgendwie hin, kleiner kluger Delfin. Du mußt aber ein großes Vertrauen zu mir haben, mein Retter. Schließlich könnte ich das Buch ja auch mitnehmen und für immer verschwinden lassen. Hast du daran schon mal gedacht?" Das sollte er Lulu nicht zweimal an den Kopf werfen, prompt war Leon von oben bis unten mit Wasser vollgespritzt. "Hey", schrie Leon, "ist ja schon gut, war ja auch nicht so gemeint, entschuldige bitte. Botschaft ist bei mir angekommen."
Sie machten heute zunächst nur Späße und Lulu vergaß ganz, was da noch so auf ihn zukam in nächster Zeit.

Später schlug Lulu vor, das Buch in einer kleinen Einhöhlung im Felsen zu verstecken.
Lulu war schon klar, dass Leon nicht jeden Tag hierher kommen könnte, so gern er es auch vielleicht wollte. Leon versprach, auch zu Hause, dafür Vorkehrungen zu treffen, sofern ihm etwas zustoßen sollte.
Von einer bestimmten Stelle aus, weiter draußen im Meer, konnte Lulu Licht aus Leons Wohnung an Land sehen. Sie machten sich also Zeichen aus für das Vorbeikommen und ebenso das Fernbleiben.
Alle Vorsichtsmaßnahmen waren damit hoffentlich vorerst getroffen.

Auf dem Heimweg dachte Leon nach: "Vor einem Jahr oder Monat noch, hätte mir jemand solch ein Zusammentreffen erzählt, vermutlich wäre ich äußerst skeptisch gewesen, was den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte betrifft. Aber im Moment bin ich einfach überaus glücklich, so etwas erleben zu dürfen."

Während auch Lulu heimwärts schwamm, ging es ihm durch den Kopf, wie sollte er das alles eines Tages seinen Eltern beibringen. Kurzerhand entschloß er sich, solange nichts zu sagen, bis Leon ihm das ganze Buch vorgelesen hatte.
Sicherlich würde ihn das mit der Zeit belasten, daß war ihm klar, aber er sah derzeit leider keinen anderen Ausweg.

Auf dem Rückweg ins Lager sprachen Blacky und Lulu nur wenig miteinander. Sie waren müde.
Sie verabschiedeten sich schnell an Blackys Steinhäuschen. Sie wollten alles weitere dann morgen besprechen.

"Lulu, sag mal, wo steckst du denn immer in letzter Zeit?", fragt ihn die Mutter, als Lulu ihr entgegenkam. "Ach du weißt doch, Mama, Kinder sollen nicht überall ihre Nasen rein stecken und Erwachsene auch nicht, hi, hi, hi,!"
"Na sage mal! Laß das bloß nicht den Vater hören, du kleiner Frechdachs!", scherzt die Mutter mit einem kleinen ernsten Unterton.

Lulu sah jetzt auch, daß er gerade noch der kessen Shila ausgewichen war, höchstwahrscheinlich hätte er bei ihr nicht diese Schlagfertigkeit an den Tag gelegt, da war er sich ziemlich sicher.

Lulu hatte seit diesen ganzen Ereignissen ab und zu Schwierigkeiten, nachts einzuschlafen.

Einmal war es die Sorge darum, ob er alles, wovon er noch nie etwas gehört hatte, behalten würde, dann lebte er immer mit der Angst, es könnte zwischen Leon und ihm Unvorhergesehenes geraten und das Buch wäre weg und schließlich wollte er natürlich nicht, daß es auch nur irgend jemand mitbekam, was da vor sich ging. Ausgenommen der Tintenfisch Blacky. Auf ihn war Verlaß.

Wieder am Strand bzw. an der Bucht war Leon so manches Mal von dem Inhalt des Buches genauso überrascht wie der kleine Delfin. Des öfteren wollten beide nicht glauben, was sie da teilweise lasen und grübelten dann, ob das der alte Sato denn nicht angezweifelt hätte.
Lulu überlegte dann, ob er das seiner Gruppe überhaupt glaubhaft vortragen könne.

Lulu bemerkte aber schon, daß er ein außerordentlich gutes Gedächtnis besaß.

In dem Buch standen Dinge, wie: "Die Delfine entschieden sich vor vielen, vielen Jahren einmal auf dem Festland zu leben, da aber dort die Verständigung mit Klängen so gut wie unmöglich war, gingen sie wieder zurück ins Wasser."

Nun darf man es sich nicht so vorstellen, daß dies in einem Zeitraum von ein paar Wochen oder Monaten von statten ging. Nein, bei dieser Aktion handelte es sich wiederum um viele Jahrhunderte oder genauer um Jahrtausende, wenn nicht um Jahrmillionen.
Also im Rahmen einer Evolution.

Leon schüttelte schon oft den Kopf über das, was er da vorlesen mußte.
Dass die beiden dabei oft auch riesigen Spaß hatten, sollte nicht unerwähnt bleiben.

"Also Lulu, jetzt kommt aber wieder was, hör zu!", Leon versuchte dabei, wieder den erforderlichen Ernst aufzubringen.
Lulu machte aber Leon Zeichen, daß er los müsse, dringend.
"Na klar, mach's gut, ich wünsch dir noch einen schönen Tag, kleiner Meeresbewohner!"

Auf dem Weg zurück ins Lager begegnete er Blacky.
"Ach Blacky, weißt du, es ist doch ein ganzes Stück Arbeit, was ich mir da vorgenommen habe. Wir sind noch bei dem ersten Drittel und ich bin schon ziemlich erschöpft!"
"Das will ich dir gern glauben.", antwortete ihm der Tintenfisch mitfühlend. "Hast du etwas Bestimmtes vor oder wie soll es nun weitergehen?"
"Tja, Blacky, leider ist mir bis jetzt nichts dazu eingefallen, ich bin einfach viel zu gestreßt im Moment!" "Warum macht ihr denn nicht mal eine kleine Pause?", schlug Blacky vor. "Und danach könntest du doch Shila fragen, ob sie dir etwas zur Seite stehen möchte!"
"Was hör ich da? Shila? Du bist wohl nicht bei Trost, was hast du denn heut Mittag wieder rein geschlungen, he?" Lulu war einfach außer sich und machte sich Luft.

"Lulu", fuhr Blacky fort, "laß dich nicht von ihrer Art blenden. Sie hat längst durchschaut, was du da treibst. Was meinst du wohl, warum sie gegenüber der Gruppe dicht hält?"
"Hm, das weiß ich nicht, Blacky.", grübelte Lulu, jetzt wieder etwas gefaßter, laut.
"Sie mag auf dich den Eindruck einer frechen Göre machen und vielleicht hast du auch ein wenig Angst vor ihr, weil sie so laut ist. Trotz allem aber ist sie sehr intelligent und hat ihr Herz an der richtigen Stelle, wenn du verstehst, was ich meine, Lulu!"
"Ich glaube schon Blacky.", erwiderte Lulu etwas trotzig.
Blacky fragte ihn noch: "Lulu, wirst du ein wenig darüber nachdenken? Es ist mir wichtig, da ich weiß, daß sie dich sehr mag."

Lulu schaute, als hätte ihn der Blitz getroffen. Das haute ihn regelrecht von den Socken.
Daraufhin lachte Blacky ein wenig spöttisch und schwamm geradewegs nach Hause.
Als Lulu ihm noch etwas gelähmt hinterher schaute, ging es ihm durch den Kopf, daß er Shila eigentlich sehr attraktiv fand, trotz ihrer gewöhnungsbedürftigen Art.

Wieder einmal kam Lulu zu Hause an und stellte fest, daß er nicht mitbekam, wie er überhaupt zurück geschwommen war.
Denn Lulu hatten die Gedanken an die Zukunft in Beschlag genommen.
"Lulu", fragte ihn die Mutter erneut, "ist alles in Ordnung mit dir? Du wirkst so verwirrt!"
Lulu durchfuhr es, als er die Stimme seiner Mutter vernahm.
"Nein, nein Mutter alles in Ordnung, mir geht es gut, wirklich.", stammelte der kleine Delphin herum.

Nach dem Abendbrot brauchte Lulu unbedingt einen Platz für sich allein. Also zog es ihn wieder zu der schönen Grotte, unweit von dem Lager der Gruppe entfernt.
Da aber, hatte jemand den Gedanken ihm voraus.
Ausgerechnet war es die kleine Nervensäge Shila.

Als Lulu gerade eine Kehrtwende einschlagen wollte, rief sie ihn.
"Oh, oh.", dachte Lulu.
"Lulu, jetzt reiß doch nicht aus, ich könnte jetzt wirklich ein wenig deine Gesellschaft gebrauchen!"
Schon wieder traute Lulu seinen Ohren nicht. Er schüttelte sich, träumte er?
"Ist auch alles okay bei dir?", erkundigte sie sich fürsorglich bei ihm.

So sehr auch Lulu versuchte, sich ein Wort oder so was ähnliches heraus zu drücken, es gelang ihm nicht und der Kloß im Hals schien immer mehr zu wachsen. Da plötzlich kam die Erlösung: "Suchst du auch etwas Ruhe hier, Lulu?" Auf diese Frage zu antworten, viel ihm bedeutend leichter.
"Naja, Shila was soll ich sagen, in letzter Zeit geht es eben drunter und drüber. Das weißt du ja selbst."

"Lulu, ich habe mitgekriegt, was da mit dir und dem Menschenkind an der für uns verbotenen Bucht vor sich geht. Und ich finde, du bist äußerst mutig. Das
hätte ich mir nicht getraut, ehrlich. Meinst du, daß du es schaffen kannst, was du dir da vorgenommen hast?" "Ich habe es mir vorgenommen, Shila. Ich habe sowieso keine Wahl, wenn ich nicht will, daß ein Chaos in unserer Gruppe herrscht. Nur, ob ich es schaffen werde, steht noch in den Sternen, sozusagen. Im Moment fühle ich mich einfach nur schwach und müde."
Dabei sah Lulu sehr nachdenklich mit ernster Miene auf den Meeresboden.

Wie ein Stromschlag holten ihn jetzt die Worte Blackys ein und er platzte heraus: "Shila, hat eigentlich in letzter Zeit Blacky, der Tintenfisch mit dir gesprochen. Also ich meine, hast du ihn getroffen?"
Shila zeigt sich verwundert: "Sollte er denn, Lulu?"
"Ach nein.", Lulu kneifte offensichtlich, "Vergiß es einfach wieder, Shila, ja!"

Auf dem kurzen Rückweg waren sie ebenfalls nicht sonderlich gesprächig, nur als sie sich voneinander verabschiedeten, hielt Shila noch inne: "Lulu, solltest du meine Hilfe benötigen, bin ich jederzeit da für dich, hörst du! Das ist mein voller Ernst!"
Lulu schaffte es jetzt, sich zu entkrampfen, schmunzelte ihr freundlichst zu und bedankte sich bei ihr.

Lulu hätte nun jeden Grund gehabt, vor dem Schlafen gehen noch ein paar Minuten über das Geschehene nachzudenken, doch er schlief heute vor totaler Erschöpfung sofort ein.

Am anderen Morgen ging es ihm nicht viel besser. Von Albträumen geplagt, war er aufgewacht. Er begriff nun selber, daß er ein wenig Abstand von allem dringend nötig hatte, zumindest eine Weile.
Während er zur Bucht schwamm grübelte er nach, wie er es am besten Leon beibringen könnte, daß erst mal eine kurzzeitige Pause erforderlich sei, nur um neue Kräfte für die weitere Konzentration zu sammeln.

Heute ließ Leon auf sich warten. Doch er kam noch. Er rannte, war außer Atem.

"Hey, Kleiner! Entschuldige bitte meine Verspätung! Ich hatte eine hervorragende Idee und aus diesem Grunde bin ich auch zu spät gekommen."

Lulu sprudelte Wasser und hüpfte umher. Was ganz seinem Naturell entsprach.

"Na, freu dich nicht zu früh, du mußt nämlich jetzt lesen lernen! Das ist für uns beide einfacher, weißt du!" "Auch das noch.", dachte Lulu, "Jetzt ist er übergeschnappt."
Lulu stand Leons Idee etwas zwiespältig gegenüber. Einerseits hatte er den Eindruck, Leon hatte es noch mehr erwischt als ihn, andererseits machte ihn der Vorschlag auch neugierig und bei aller Vorsicht schien Lulus Ehrgeiz wieder durch.

Nun ja, langsam gefiel ihm dieser Gedanke, wenngleich er momentan nicht wußte, wie das zu verwirklichen sei.

"Keine Angst, Delfin, das klappt schon irgendwie, wirst schon sehen!", rief Leon ihm voller Überzeugung zu. Lulu überlegte kurz. Vielleicht würde das für ihn noch einmal für eine Zeit lang anstrengend werden. Allerdings war er großer Hoffnung, dass sich dann die Mühe auszahlen könnte.
Nämlich, daß endlich dieser furchtbare Zeitdruck mit einem Mal verschwunden wäre, der ihn ebenso derzeit belastete. Und natürlich könnte er sich dann ganz auf die Weitergabe des Wissens an seine Gruppe konzentrieren.

Sie begannen also an diesem Tage mit der Arbeit an ihrem Vorhaben.
Lulu verstand anfangs zum Bedauern seiner selbst nur `Bahnhof`. Ab und an war er so niedergeschlagen, daß er aufgeben wollte. Doch nach und nach konnte er tatsächlich die Worte ganz lesen und sogar einen kompletten Satz. Wie sollte es da anders sein, Lulu bekam emotionalen Auftrieb.

In der Zwischenzeit war die Gruppe im Hinblick auf das Dahinscheiden Satos auch nicht klüger geworden. Ratlosigkeit machte sich breit. Onkel Mero, eine mutige und entschlossene Kämpfernatur, machte den kühnen Vorschlag, eine andere Gruppe in einem anderen Abschnitt aufzusuchen, aber das war viel zu gefährlich. Selbst für ihn. Daran mußten ihn die anderen Gruppenmitglieder nachdrücklich erinnern.

Ein ganz anderes Problem hatte heute Shila, die kleine freche Nervensäge. Bis jetzt hielt sie dicht. Ganz einfach war das nicht für sie, bekam sie doch ununterbrochen mit, was für ein Durcheinander auf diesem Stück Meeresboden gerade herrschte.

Shila hatte auch noch eine andere Seite an sich. Obwohl sie schroff und ab und zu erbarmungslos wirkte, war sie innen drinnen auch nur ein kleiner ängstlicher Delphin. Feingefühl war nicht unbedingt ihre Stärke dafür Taktlosigkeit um so mehr. Allerdings, wie wir bereits bemerkten, arbeitete sie an sich und ein Meister fällt auch nicht von heute auf morgen vom Himmel.

Sie hatte derzeit manchmal den Eindruck, als würden all die umliegenden Meerespflanzen in ihrer schönsten Farbenpracht diesbezüglich in Mitleidenschaft gezogen.
Es war ihr oft eine nette Beschäftigung oder sagen wir ein Bedürfnis gewesen, sich diesen natürlichen Schmuck des Meeres, welcher sich ringsum an Felsen, Boden und Unterschlüpfen säumte, einzuprägen. So gut es eben nur irgendwie möglich war.
Stundenlang konnte sie vertieft sein in diese herrliche, beinahe grenzenlose Vielfältigkeit an Farben, Formen und Bewegungen.

Meistens beendete sie ihre tiefe Bewunderung damit, festzustellen, daß sich hier die schillerndsten Farben der ganzen Welt platziert haben müssen. Nein, anders konnte es nicht sein, da war sie sich einfach ganz sicher. Ja, nur ein Ding hatte noch so viele wunderschöne Farben auf engstem Raum. Der Regenbogen am Himmel, den sie bisher schon zweimal, überaus hingerissen von ihm, betrachten durfte und ihn dann nicht aus den Augen verlor, bis zu seiner rätselhaften Auflösung.

Lulus Mutter riß die kleine Shila abrupt aus ihrer bunten Traumwelt.
"Na, Shila!", drang die Stimme von Lulus Mutter an Shilas Ohr. Das kleine Delphinmädchen zuckte zusammen, denn an der Stimme hatte sie bereits Shala erkannt.
Auch das noch, dachte sie erschrocken.
Nun, die Mutter von Lulu bemerkte, daß sie Shila überaus erschreckt haben mußte. Ihre Absicht war das ja keineswegs. Sofort hakte sie nach.
"Geht es dir gut, Shila?"
Forsch und wie aus einer Pistole geschossen antwortete Shila mit unbewußt überzogener Stimmlage: "Ja, ja alles in Ordnung, Shala."
"Wirklich?", kam es nachdrücklich von Lulus Mutter.
"Ja doch. Ich habe nur ein bißchen geträumt, so vor mich hin, und vermutlich erschrak ich mich dann etwas."

Jetzt begann Shala zu erzählen, natürlich von ihrem Sprößling. Nun, das wurde Shila aber mehr als etwas zu viel. Ohne lang zu zögern unterbrach sie Shala und machte ihr unmißverständlich klar, daß sie jetzt sofort nach Hause müsse. Und während sie das Lulus Mutter im D-Zug-Tempo mitteilte, brach sie auch schon auf.

Zurück blieb Shala mit einem äußerst verwunderten Gesichtsausdruck. Sie stutzte und dachte bei sich. Was hat die denn jetzt gebissen. Eine kleine Nervensäge war sie ja schon immer, aber wie sie sich jetzt gegenüber ihren erwachsenen Gruppenmitgliedern benimmt, wie unhöflich war das doch gerade.

Natürlich entsprach das eigentlich auch nicht der sonstigen Art des kleinen Delfinmädchens. Mitunter bekam man sie nicht mehr los, sobald man auf sie traf und mußte ihren neunmalklugen und oft schulmeisterlichen Darbietungen folgen und über sich ergehen lassen.
Sie liebte es einfach, die anderen mit ihrem Wissen, oft leicht oberflächlich, in ihren Bann zu ziehen.

Erkannte sie verblüffte Gesichter, verschwand sie aber auch gern schnurstracks wieder. Nicht jeder bemerkte, daß er gerade einer kleinen Theatervorstellung beiwohnte oder besser gesagt, darin unfreiwillig involviert war.

Aber unter diesen Umständen, und das konnte die Mutter von Lulu ja schließlich nicht wissen, verhielt es sich anders.
Shila war nämlich heilfroh einer längeren Diskussion aus dem Wege gegangen zu sein. Nicht auszudenken, hätte sich Shila bei anhaltendem Augenkontakt verraten. Lügen konnte sie nicht, dafür war sie einfach nicht geboren.

In Lulus Zuhause nahmen alle das Abendmahl ein. Die Mutter erzählte dem Vater die, sich zugetragene, Geschichte mit Shila.
Lulu lauschte scheinbar teilnahmslos.
"Bogo, ich weiß nicht, wo das noch enden soll, wirklich nicht."
"Mutter, jetzt reiß dich doch zusammen! Was soll denn das Kind denken!", rief der Vater sie zur Räson.
Unter Tränen stieß die Mutter einen tiefen Seufzers aus: "Manchmal glaube ich, dass hier langsam alle am Durchdrehen sind, du denn nicht auch, Vater?"

Bogo, Lulus Vater, schluckte die Wut hinunter. Das konnte man deutlich erkennen. Dann schwamm er hinaus. "Alles wird schon wieder gut!", tröstete Lulu seine Mama. Er hielt es in diesem Moment für seine Aufgabe, da sich der Vater offenbar nicht mit dieser Situation von Verzweiflung auseinandersetzen wollte.
Vielleicht kämpfte er aber auch nur auf seine Weise mit den oder besser gegen die Tränen an.

"Schon gut, Lulu! Es wird schon gleich wieder, ich werde mich zusammenreißen, mein kleiner Liebling!" Lulus Mutter gab dem Kleinen noch einen Kuß auf die Nase und lächelte ihm zu. Und da kam auch sein kleines Strahlen wieder zum Vorschein.
Still versuchten nun beide Ordnung zu schaffen. Das ging eine Weile so, bis die Mutter Lulu fragte, was er denn bei Tante Nelly so richtig gewollt hatte.
Lulu erzählte es ihr und sie gab sich damit zufrieden.

"Mutter, darf ich hinaus schwimmen?", fragte Lulu noch kurz.
"Ja, natürlich!", antwortete sie ihm mit noch einer ganz verschnupften Stimme.
"Ach Lulu, solltest du den Vater irgendwo sehen, schicke ihn doch bitte zu mir, ja!"
Lulu nickte und verschwand nach draußen.

Er bemerkte wie verstört er noch war nach diesem Gespräch seiner Eltern, fühlte sich schwach, irgendwie leer und völlig antriebslos. Seinen Vater konnte Lulu nicht finden. Und eigentlich war ihm das auch ziemlich egal. Nachdem er gelangweilt durch die Gegend geschaut hatte, stieß er einen tiefen Seufzer aus: "Phhh, und jetzt?" Es sah fast so aus, als würde er jemanden fragen, der nicht da war. Lulu dachte an den alten Sato. Was würde er jetzt tun? Hätte er eine Lösung? Wohl kaum oder doch?

Ihn zog es zu Blacky, dem Tintenfisch, der entgegen der allgemeinen Theorie, nicht wirklich die Vernebelungstaktik par excellence praktizierte. Nein, Blacky war ein treuer und scharfsinniger Freund. Vielleicht würde er in seiner Nähe jetzt den nötigen Halt finden.
Aber ihm kam Mero, sein Onkel entgegen. So unbedingt gefiel das Lulu nicht. Mal sehen, was er so meint, kam es ihm in den Kopf.

"Na Lulu, hallo! Musst du denn nicht schlafen? Was machst du denn noch hier? Ach ich verstehe, du suchst deinen Vater. Ich habe ihn vorhin getroffen, aber ich glaube er möchte seine Ruhe haben. Kannst du das verstehen, Lulu?

"Wie? Was? Hää?", Lulu ertappte sich selbst dabei, dass er absolut nicht zugehört hatte. Sogleich stammelte er weiter: "Oh, hm, ja, ja. Verstehen? Ja, natürlich, ist schon okay, kein Problem."
Sein Onkel sah ihn verdutzt an, wollte gerade ansetzen doch Lulu kam ihm zuvor: "Onkel Mero, du hast vollkommen recht, ich muss ins Bett. Ich bin auch todsterbensmüde. Gute Nacht, Onkelchen!" Gesagt, getan, Lulu schwamm nach Haus. Er ließ einen Mero zurück, der so den kleinen Lulu noch nie erlebt hatte und er fand, dass da etwas nicht stimmen konnte. Das wollte er im Auge behalten.

Für Lulus Begriffe war Mero ihm gegenüber oft sehr autoritär und er zog jetzt doch lieber das Bett anstelle dieses Charakterzuges seines Onkels vor. Ja, ab ins Bett. Alles andere musste warten. Morgen ist auch noch ein Tag, wenn doch auch nicht unbedingt ein viel besserer.

...to be continued.

"Ihr Lieben freut euch mit mir, denn diese Zeilen wurden auch schon von einer internationalen Jury in Los Angeles/Hollywood, von dem durch Tom Hanks und Anderen gestützten Portal für Film- und Drehbuch-Enthusiasten gelesen und bei einem Wettbewerb in das Viertelfinale gekürt. -> Irgendwo ist immer der Anfang ihr Lieben! Common check it out with me! I really, I really wanna be with you!"

 

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