
Es ist ein Uhr morgens, also noch mitten in der Nacht. Während die meisten unter uns jetzt tief und fest schlafen, liegt Marlene unter fürchterlichen Schmerzen wach. Wach, ist wahrscheinlich der falsche Ausdruck, denn sie ist aphatisch, allein, hält sich weinend den Kopf und wünscht sich aufgrund ihrer verzweifelnden Situation nur noch den erlösenden Tod. Manchmal spricht sie laut und manchmal nur in Gedanken mit sich selbst: „Oh, Gott, bitte mach, mach, daß das alles endlich ein Ende hat, oh bitte, bitte, bitte!!!“ Doch anstatt sie von auch nur irgend jemand erhört wird, stellt sich jetzt auch noch, wie bei einem schlimmen Migräneanfall üblich, ein starker Brechreiz ein. Nun muß Marlene ihren geschundenen Körper über den Flur bis ins Bad schleppen und sie weiß, daß die folgende Prozedur, ihr ist sie schon endlos bekannt, noch einmal extrem an ihren Kräften und kaum noch vorhandenen Nerven zehren wird. Um erbrechen zu können muß sie ihren Kopf, trotz Sitzhaltung vor der Toilette, etwas nach unten halten und, um die ganze Sache zu beschleunigen steckt sich Marlene den rechten Zeigefinger in den Mund. Denn sie weiß, daß es hilft. Das lange Haar fällt ihr ins Gesicht und mit der linken Hand hält sie es ein wenig nach hinten. So. Das war das erste Mal. Erschöpft fällt Marlene zu Boden und schläft auf der nicht all zu weichen Badezimmervorlage wie ein Häufchen Unglück ein. Das Licht hatte sie nicht eingeschalten und überhaupt ist es in der ganzen Wohnung stockdunkel. Vermutlich so dunkel wie in Marlenes Seele.
Jahrelang erfährt Marlene so das Leben. Das Leben? Welches Leben? Mit Recht denkt sie so, auch wenn es die anderen Menschen nicht nachvollziehen können oder wollen. Die ersten fünf bis sechs Jahre hielt sie standhaft durch. Trotz vieler Arztbesuche und die Erprobung unzähliger Medikamente, die dann doch nicht halfen, blieb Marlene ein zutiefst fröhlicher Mensch und war noch immer voller Gottvertrauen. Nach und nach wurde der Streß auf Arbeit stärker und auch die Kopfschmerzen meldeten sich immer öfter und immer schlimmer. Ohne es zu merken, nagte die Krankheit an ihrer Seele, doch Marlene erkannte nicht die Signale. Hatte sie doch seit frühester Kindheit gelernt, mit jeder Situation fertig zu werden.
Sie erkannte auch nicht, daß sie eigentlich innerlich schon mit ihrem jämmerlichen Dasein abgeschlossen hatte. Kein Kind, unverheiratet und eine eingeschlafene elfjährige Beziehung ohne Höhepunkte. Immer das Gleiche, Tag ein Tag aus. Wo war das Riesenrad, die Achterbahn, die einem den Atem nahm? Wo war das alles in Marlenes Leben? Ach ja. Das durfte es ja gar nicht geben, weil jegliche Aufregung einen potentiellen Migräneanfall darstellte und ein besonnener, fleißiger Bürger sich ja vor jedem Krankenschein schützen muß.
So dachte ein guter Mensch, so ein Mensch wie Marlene. Bis zu einem ganz bestimmten Tag. Nennen wir ihn Tag X.

Es war Freitag. Ein Freitag im April. Wieder einmal hatte Marlene die stressige Woche hinter sich. Ein sonniges Wochenende stand bevor und Marlene fühlte sich wohl. Das war selten. Vermutlich, weil in dieser Arbeitswoche so einiges glatt lief. Marlene gefiel sich heute. Auch das war eher selten. Doch die grauen Wolken zogen in Marlenes Gemüt bereits heran, denn das bevorstehende Wochenende barg doch nichts außer Langeweile in sich. Würde es doch wieder nur aus Putzen, Bügeln und Kochen bestehen.
Kurzerhand beschloß Marlene, sich im nahegelegenen Café zu amüsieren. Was sie bis dahin noch nicht wußte, war, daß sie heute ein ungeplantes Treffen mit ihrem eigenen Schicksal haben würde.
Auf dem Weg dorthin ließ sie sich die Sonne in das Gesicht scheinen und wer genau hinsah, konnte erkennen, daß da ein Mensch gerade zutiefst das Leben genoß. Angekommen in der Bar, traf sie auch gleich einige Bekannte und setzte sich voller Freude zu ihnen an den Tisch, denn Platz war ja noch genug. Wie so üblich, begrüßte sich jeder, Cocktails wurden gereicht, plötzlich quatschten alle durcheinander und prompt fand man sich in einer geselligen Runde wieder.
Die Zeit verging so wie im Fluge. Besonders angetan war Marlene von der Geburtstagsüberraschung eines Gastes am Nachbartisch. Die Lichter gingen aus und eine Kellnerin brachte eine mit Kerzen erleuchtete kleine Torte an den Tisch des überraschten Gastes. Währenddessen wurden die anderen Bargäste ermuntert ihm ein kleines Geburtstagslied zu überbringen, im Hintergrund spielte die Anlage das Lied „Happy Birthday to you“ und am Schluß applaudierten alle.
Am Tisch saß auch ein unbekannter junger Mann. Nach der Begrüßung wechselte Marlene mit ihm ein paar belanglose Worte. Im Laufe des Abends floß so einiges an Alkohol. Und auch Marlene, die sämtlichen Drogen etwas zwiespältig aufgrund ihrer Erkrankung gegenüberstand, ließ sich das eine oder andere Glas mehr von dem Rotwein mit der herrlichen blumigen Note schmecken.
Marlene erwischte sich des öfteren an diesem Abend wie ihr Blick ungewollt immer und immer wieder den Unbekannten am Tisch streifte. Warum wußte sie nicht, aber es ging etwas von ihm aus. Etwas Unfaßbares, Geheimnisvolles. Es war nichts auf den ersten Blick, mehr so unterschwellig und deshalb um so interessanter für sie.
Einmal setzte er die Sonnenbrille seines Bekannten auf und kokettierte damit herum. Plötzlich baute er sich am Tisch ein wenig auf und sah schmunzelnd damit genau in Marlenes Richtung. Ob er Marlene tatsächlich ansah, konnte sie hinter der dunklen Brille leider nicht erkennen. Und genau da war der Punkt. Marlene spürte ein innerliches Zucken, wie einen kleinen Stromschlag. Es war um sie geschehen.
Von da ab ließ sie kein Auge mehr von ihm und er mußte schon sehr angetrunken sein, um das nicht zu spüren.
Wie sich später herausstellte, sah auch er sie ab einem gewissen Zeitpunkt an diesem Abend öfter an. Nur leider immer, wenn sie weg schaute. Eben typisch Mann.
Kurz vor Barschluß gesellte Marlene sich an seine Seite und war auch noch so mutig ihn zu küssen, nachdem sie ihm etwas ins Ohr flüsterte und er sie darauf ganz benommen ansah.
In diesem Moment dachte Marlene nicht weiter nach. Sie dachte auch nicht an ihren Freund und überhaupt war ihr irgendwie alles egal.
Natürlich sahen sich die beiden neu Verliebten öfter, es kam auch zum Bruch in der Beziehung mit dem langjährigen Partner und Marlene zog bei dem geheimnisvollen Mann von heute auf morgen ein. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man sich erst ein paar Tage vorher kennengelernt hat. Aber wer fragt schon danach, wenn man frisch verliebt auf „Wolke Sieben“ schwebt.
Nach einigen, im Nachhinein völlig nichtigen, Mißverständnissen zog Marlene eines Tages Hals über Kopf wieder aus.
Und war es ihr doch ein paar Wochen lang wie aus heiterem Himmel sehr gut gegangen, wurde sie jetzt krank. Noch kränker als sonst. Und das auch wieder wie über Nacht. Selbstzweifel plagten sie jetzt zusätzlich noch.
Um nicht gänzlich durch zu drehen, beschäftigte sie sich mit namhaften Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit standen. Marlene las Biographien von Künstlern, die gebeutelt waren vom Leben und trotzdem wieder aufstanden. Wieder wußte sie nicht, warum sie auf diese Idee gekommen war. Alles rauschte an ihr vorbei. Ihr fiel jedoch auf, daß es sehr viele Künstler und Schriftsteller gab, die sich im Tagebuch- Schreiben übten. Das gefiel Marlene, und sie begann es ihnen gleich zu tun. Sie spürte, wie leicht es ihr von der Hand ging und hatte das Gefühl, abends dadurch besser einschlafen zu können. Mehr und mehr studierte sie Menschen, die auf sie eine Art magische Wirkung hatten. Des öfteren fand sie sich weinend in ihrem Bett wieder. Aber es war nicht etwa dieses verzweifelte Weinen. Eher ein Sich- Gehen-Lassen und Annehmen. Auch versuchte sie sich in der Malerei und machte auch dort größere Fortschritte. Im Laufe der Zeit zeigte sie mehr und mehr Gefühle im täglichen Leben und auch die Migräneanfälle wurden, wenn auch unterstützt mit jetzt vorbeugenden sinnvollen Medikamenten, sukzessive weniger.
Wenn Marlene heute an ihrem ersten Manuskript für einen Roman arbeitet, spürt sie, daß sie ein neuer Mensch geworden ist.
Sie hat von anderen Menschen gelernt. Hat sich einen Galgenhumor zugelegt, der sie stets, wenn nötig auffängt und vermochte es, beim Studieren der anderen Homo sapiens sich selbst besser kennen zu lernen und zu achten. Ihr ist es gelungen zu sehen, und zwar durch die Augen der anderen.
Nichts ist in ihr ist verloren gegangen, aber vieles hat sie gewonnen.
Wenn sie zurückschaut, kann sie mit dem nötigen Abstand vieles verstehen. Marlene weiß, daß sie ihren Mut beibehalten wird. Heute ist es ihr klar, warum sie gehen mußte, auch von dem Mann, von dem sie fast besessen war. Das Schlimmste was einem im Leben passieren kann ist, den vermeintlichen Traumpartner zu treffen, denkt sich Marlene jetzt.
Marlene ist wieder „aufgestanden“ und freut sich auf ihren ersten fertigen Roman mit der Überschrift: „Es gibt noch so viel zu entdecken!“, denn das flüsterte sie an jenem Abend dem geheimnisvollen Mann ins Ohr, der auch sie daraufhin küßte.